Dienstag, 20. April 2010

Andy Warhols Dracula (1974)

Mit derselben Crew und vielen Darstellern des Vorgängers "Frankenstein" inszenierte Paul Morrissey gleich im Anschluss die Bram Stoker-Adaption BLOOD FOR DRACULA (Andy Warhols Dracula), das Wort "Adaption" ist dabei im weitesten Sinne gemeint.
Der Ton des Films unterscheidet sich von den unverfrorenen Albernheiten des Vorgängers, und Morrissey gelingen einige bemerkenswerte Sequenzen. Zudem umweht eine glänzend eingefangene Atmosphäre von Trauer, Verfall und Tragik das absurden Spektakel.

Eben noch der Leichenfledderer Frankenstein, gibt sich Udo Kier als Dracula ganz aristokratisch, wenn er sich gleich zum Vorspann die grauen Haare schwarz bepinselt. Das Problem: für Dracula gibt es in ganz Transsylvanien keine Jungfrauen mehr, sein Geschlecht droht auszusterben. Diener Anton (wieder Arno Jürging, diesmal aber sehr viel zurückgenommener) rät ihm, die beschwerliche Reise nach Italien anzutreten, wo es aufgrund strenger Moralvorstellungen angeblich noch Jungfrauen geben soll.
Im Hause des verarmten Marchese Di Fiore (Vittorio de Sica) macht Dracula Jagd auf dessen schöne Töchter, doch auch diese wurden bereits entjungert - was nicht verwundert, wenn man Sexgott Joe Dallesandro als Gärtner beschäftigt! Der arme Blutsauger muss sich fortan ständig übergeben ("The Blood of These Whores is Killing Me!" keucht er, während er die nächste Ladung ausspuckt), während Gärtner Dallesandro sich anschickt, den Van Helsing zu geben...

Udo Kier wollte den Dracula unbedingt spielen, Paul Morrissey fand ihn aber wegen seines gesunden Äußeren nicht geeignet. Daraufhin stellte Kier so lange die Nahrungsaufnahme ein, bis er so abgemagert aussah, dass er perfekt in die Rolle passte. Kier ist tatsächlich bemerkenswert gut als bleicher Graf, der sich selbst kaum helfen kann und zum Blutsaugen getragen werden muss. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes impotent, muss von seinem Diener im Rollstuhl herumgeschoben werden und kann sich nicht einmal gegen seine eigene Ausmerzung am Ende wehren.

Genau wie bereits "Frankenstein" ist auch DRACULA oversexed in jeder Beziehung. Regisseur Morrissey zeigt dabei Freude am Durchbrechen jeder Tabu-Schallmauer - etwa, wenn der Graf sich auf den Boden wirft und das Blut der frisch entjungerten jüngsten Tochter des Hauses aufschleckt. Man stellt sich unwillkürlich vor, wie das amerikanische Publikum gesammelt in Ohnmacht fällt.

Einige interessante Ideen finden sich in DRACULA, der durch die Auftritte von Vittorio de Sica und - in einer Gastrolle - Roman Polanski eine unerwartete Aufwertung erfährt. So ist Joe Dallesandro (der nie besser aussah und sich reichlich nackig machen darf) ein Gärtner mit politischen Idealen. Als Kommunist sieht er im Grafen weniger das Monster als den Klassenfeind, der vernichtet werden muss. So beschreibt Morrissey auch den Niedergang des Adels am Beispiel der Monte Fiore-Familie, deren Oberhaupt die eigenen Töchter - auch die minderjährigen - ohne Wimpernzucken gegen Bezahlung an jeden dahergelaufenen Vampir verhökert, so lange dieser Geld und einen Titel vorweisen kann. Ist der Graf nur noch ein Schatten seiner selbst, bleibt Dallesandro als Held der Arbeiterklasse vital, potent und aggressiv bis zum Ende.

ANDY WARHOLS DRACULA kann - wie schon sein Vorgänger - mit fabelhafter Musik von Claudio Gizzi und ausgezeichneter Kameraarbeit beeindrucken. Er macht in keiner Weise einen schäbigen Eindruck, wirkt elegant und sicher, trotz seiner manchmal kindlichen Freude an der Zerstörung von Mythen und der Überbetonung von Sex (alle weiblichen Darsteller mit Ausnahme der Hausherrin dürfen ihre Brüste präsentieren). Mit blutigen Details hält sich Morrissey zurück, stattdessen gibt es die besagten Kotz-Orgien und gegen Ende eine fröhliche Amputation von Draculas Armen und Beinen, bis er als zappelnder Torso ein erbärmliches Ende findet.

Nicht für jeden Geschmack, aber für mich ein Highlight des 70er Kinos, bleibt ANDY WARHOLS DRACULA ein witziger, erotischer, geschmackloser und gar nicht so dummer Spaß.

08/10

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