Dienstag, 27. April 2010

Alice lebt hier nicht mehr (1974)

Nach dem Tod ihres Mannes macht sich Alice (Ellen Burstyn) mit ihrem Sohn auf den Weg nach Kalifornien, um dort als Sängerin zu arbeiten. Unterwegs muss sie in verschiedenen Kaffs als Sängerin und schließlich als Serviererin in einem Trucker-Restaurant arbeiten, wo sie sich in den sympathischen Rancher David (Kris Kristofferson) verliebt. Ihr Traum rückt in weite Ferne - oder nicht?

Nach dem großen Erfolg mit "Der Exorzist" wollte Warner Brothers einen weiteren Film mit Ellen Burstyn machen, sie durfte das Buch aussuchen und einen Regisseur vorschlagen. Sie entschied sich für dieses sensible Frauenporträt und wählte Martin Scorsese, der gerade mit seinem Film "Hexenkessel" Aufmerksamkeit erregt hatte, und der schon beim ersten Treffen mit der Schauspielerin erklärte, dass er von Frauen keine Ahnung habe.

ALICE LEBT HIER NICHT MEHR ist voll und ganz auf seine Hauptdarstellerin zugeschnitten, die eine Glanzvorstellung als alleinerziehende Mutter eines unerträglich nervenden und altklugen Sohns abliefert. Ihre Alice ist keine klassische Filmheldin, sie hat gleich mehrere Schwächen, wird zu schnell Opfer für dahergelaufene Männer und trifft viele falsche Entscheidungen, aber genau das macht sie so menschlich und authentisch. Hier wird nichts geschönt, die Charaktere und Milieus werden von Scorsese mit maximalem Realismus dargestellt. Scorsese probiert sich in ALICE noch aus und baut Hommagen an Hitchcock ein (ALICE spielt an den gleichen Schauplätzen wie "Psycho", und die Kamerafahrt in Alices Fenster zu Beginn ist eine klare Verbeugung).

In Nebenrollen brillieren der junge Harvey Keitel als prügelnder Lover von Alice sowie die wunderbare Diane Ladd ("Wild at Heart") als Kellnerin.
Hauptdarsteller Kristofferson hatte nur wenig Filmerfahrung, was man ihm auch anmerkt, für mich ist er die einzige Schwachstelle im Film. Sein Rauhbein mit dem weichen Kern schrammt nah am Klischee vorbei, und mit seinem Erscheinen verliert der Film etwas an Dynamik, aus dem Überlebenskampf von Alice wird eine doch stellenweise vorhersehbare Love-Story.

ALICE LEBT HIER NICHT MEHR gehört insgesamt nicht zu Scorseses besten Filmen, aber er ist ein lebendiger und ehrlicher Film ohne jeden Kitsch. Was Frauenporträts anbelangt, bleibt er in Scorseses Schaffen unerreicht.

07/10

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