Dienstag, 23. März 2010

Die Wahrheit (1960)

Die in erster Linie als Sex-Symbol vermarktete Brigitte Bardot bekam nur wenig Gelegenheit, ihr schauspielerisches Talent zu beweisen. Einige hochklassige Regisseure wie Godard und Malle ermutigten sie allerdings zu fabelhaften Leistungen, und ihre beste zeigt sie in Henri-Georges Clouzots DIE WAHRHEIT (La Vérité) aus dem Jahr 1960.

Bardot spielt die junge Dominique Marceau, die aus der Provinz nach Paris kommt und sowohl in falsche Gesellschaft als auch auf die schiefe Bahn gerät. Ihr zügelloses Leben kostet schließlich einen Menschen (Samit Frey) das Leben, jetzt steht Dominique vor Gericht und muss sich wegen Mordes verantworten...

Clouzot, dessen bester Film der Klassiker "Die Teuflischen" (1955) bleibt, inszeniert dieses mitreißende Gerichtsdrama als Tragödie und Generationskonflikt. Vor Gericht steht hier nicht nur eine Frau, die ein Verbrechen aus Leidenschaft begangen hat, sondern eine ganze Generation, die mit den alten Werten nichts anfangen kann, stattdessen aber keine neuen Ziele definiert. Die Besetzung mit Brigitte Bardot ist insofern ein doppelter Coup, weil die Schauspielerin für eine junge Generation von Filmen stand, die von der Elterngeneration als obszön, frivol und unanständig empfunden wurde.

Dass Clouzot die Jugend nicht denunziert, sondern ernst nimmt, gehört zu den Stärken des Films, der zwar mit Aufwand inszeniert ist, die "Nouvelle Vague" aber dennoch aufgenommen hat. Während der Gerichtssaal zum klassischen Kino gehört, spielen viele der Rückblenden an Originalschauplätzen, in winzigen Apartments, heruntergekommenen Treppenhäusern und billigen Nachtclubs. Die Szenenfolge ist schnell, reißt Dialoge auseinander, fügt sie über den Schnitt wieder zusammen, die Filmmusik besteht hauptsächlich aus Musik, die von den Figuren gehört wird.
DIE WAHRHEIT betont dabei immer wieder die Gegensätze - klassische Musik (Frey spielt einen Musikstudenten, der vom eigenen Orchester träumt) gegen Cha-Cha (der für Bardots aufreizendes Verhalten und Lebenslust steht), alte Herren im Gericht gegen die junge Angeklagte, biedere Moralvorstellungen gegen freie Liebe. Während Hollywood-Filme das romantische Paris verklären, zeigt Clouzot eine verklemmte Gesellschaft, in der Damenbesuch von Vermieterinnen verboten wird und Frauen gerade mal zugestanden wird, sich einen Job oder Ehemann zu suchen, aber nicht, sich auszuleben oder sich Freiheiten zu nehmen. Man gesteht Dominique nicht einmal zu, sich ernsthaft zu verlieben. Immer wieder muss ihr Anwalt sie gegen Angriffe verteidigen, die sie als unmoralisch und verkommen denunzieren sollen.

Dabei ist Bardots Dominique keine Vorreiterin in Sachen Frauenbewegung. Sie lässt sich treiben, ihre Jugend und Schönheit verschaffen ihr stets Vorteile, sexuelle Gefälligkeiten halten sie davon ab, einen Beruf ergreifen zu müssen oder über ihre Zukunft nachzudenken. Sie befindet sich unentwegt im Konflikt mit ihrer Schwester, die vom konservativen Elternhaus geprägt ist und die "wahren Werte" verkörpert - Fleiß, Zielstrebigkeit, Anständigkeit. Sie hat nur gelernt, ihre Reize gewinnbringend einzusetzen und realisiert zu spät, dass sie sich verliebt hat. Ihre große Liebe Gilbert ist ihr mittlerweile hörig, erkennt aber die Ausweglosigkeit ihrer Beziehung und beginnt, sie aus seinem Schuldgefühl heraus zu demütigen, behandelt Monique so wie alle Welt sie sieht, als ein Flittchen. Ihre Verzweiflungstat - der Mord - ist nicht nur ein Schrei nach Liebe, sondern auch die Verzweiflung über ein verpfuschtes Leben.

Bardot spielt in "Die Wahrheit" eine zwiespältige Figur. Man empfindet Sympathie und Mitleid mit ihr, ihr Verhalten bleibt aber selbstzerstörerisch. Wenn sie vor Gericht ihren Lebenswandel verteidigen muss, ist man stets auf ihrer Seite. Der Ausgang der Verhandlung bleibt hochspannend, auch wenn schnell klar wird, dass Bardots Figur zum Scheitern verdammt ist. Das Ende ist entsprechend niederschmetternd. Clouzot nimmt sich sogar die Zeit, ihre Tragödie in einen ebenso nüchtern wie detailliert geschilderten Prozessverlauf einzubinden, an dessen Ende die vermeintlichen Gegner, Anwalt und Nebenkläger, freundschaftlich auseinandergehen, weil sie nur ihre Rollen gespielt haben und die private Tragödie der Dominique als einen traurigen "Fall" hinnehmen. Das wahre Ausmaß ihres Unglücks werden beide nie verstehen, so wie das Gericht Dominique nie verstehen will.

Clouzot gelingt in DIE WAHRHEIT eine differenzierte Abrechnung mit den Idealen sowohl der alten wie der neuen Generation, vor allem aber gelingt es ihm, Brigitte Bardot als ernsthafte Schauspielerin zu etablieren, in einem mitreißenden Drama, das leider viel zu wenig bekannt ist. Einer meiner Lieblingsfilme.

10/10

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