Montag, 22. März 2010

Die Geschwister Savage (2007)

Das Thema Altersdemenz kommt nicht gerade häufig im Kino vor, so viel Realität wollen die meisten Zuschauer nicht sehen. Regisseurin Tamara Jenkins wählte daher einen ungewöhnlichen Weg und verband ihre deprimierende Geschichte mit den Mitteln der skurrilen Komödie. Herausgekommen ist ein Film, der als Liebling der Filmfestivals viele Auszeichnungen erhalten hat und sicher gut gemeint ist, tatsächlich aber stürzt er nach einem gelungenen Beginn so schrecklich in Banalitäten, Klischees und typische Hollywood-Dramaturgie ab, dass er mich unterm Strich mehr verärgert hat als weniger ambitionierte Filme, die nicht so tun, als hätten sie mehr zu erzählen.

Die Geschwister Savage werden gespielt von Laura Linney und Philip Seymour Hoffman. Sie müssen eine schwere Entscheidung treffen und ihren demenzkranken Vater in ein Pflegeheim einweisen. Durch die nervenaufreibende Situation brechen mehrere verdrängte und offene Konflikte auf...

DIE GESCHWISTER SAVAGE beginnt sehr vielversprechend mit ironisch überzeichneten Bildern und skurrilen Situationen, der Film scheint keine Berührungsängste mit seinem Thema zu haben und nimmt seine Charaktere ernst. Die erste heftige Probe fürs Publikum kommt, als Linney mit ihrem verwirrten Vater ein Flugzeug besteigt und er dringend auf die Toilette muss, eine peinliche Situation für Linney, die der Film reichlich auskostet, bis er plötzlich einen Rückzieher macht und den Vater (grandios: Philip Bosco) lediglich mit heruntergelassener Hose im Mittelgang stehen lässt. Peinlich ja, komisch auch, aber nicht schmerzhaft.

Und das trifft leider auf den gesamten Rest des Films zu. Jedesmal, wenn es hart zu werden droht, fängt Tamara Jenkins die Ernsthaftigkeit ab. Was wie ein Konzept wirkt, entpuppt sich bald als Feigheit, denn im Grunde gibt es hier nichts zu sehen, was den Zuschauer fordern, bewegen oder aufrütteln könnte. Der demente Vater wird völlig in den Hintergrund gerückt und zu einem Statisten degradiert, stattdessen muss man endlose Dialoge der Geschwister über sich ergehen lassen, die sich darüber streiten, wer von beiden ein Literatur-Stipendium verdient hätte. Man kann argumentieren, dass diese Nichtigkeiten bewusst das reale Problem verdrängen sollen, doch verweilt Tamara Jenkins für meinen Geschmack zu sehr auf diesen Problemen und nimmt sie viel zu ernst.
Wo Jenkins komplett scheitert, ist ihr lahmer Versuch, sich an ein literarisch gebildetes Publikum anzubiedern. So diskutiert Philip Seymour Hoffman mehrfach über Brecht, Weill und Lenya - in der einzigen Sequenz, in der dies etwas bringen würde, nämlich wenn er eine Klasse unterrichtet, scheibt er aber lediglich Banalitäten über Brechts Methodik an die Tafel (selbstverständlich mit Kreide!), die Frau Jenkins wahrscheinlich bei Wikipedia recherchiert hat. Leider begegnet man dieser Art zu oft im Hollywood-Kino. Ist es nicht Brecht, wird gern Shakespeare herangezogen, um Charakteren einen intellektuellen Anstrich zu verpassen. Dahinter steht dann oft nichts außer Halbwissen.
Ebenso langweilig ist die überzogene Political Correctness des Films. Die einzig vertrauenserweckende Figur ist ein schwarzer Pfleger, der natürlich Linneys selbst verfasstes Theaterstück lobt und ein guter Zuhörer und weiser Ratgeber ist. Als es kurz so aussieht, als würde es zu einer Affäre zwischen beiden kommen, macht der Film wieder einen seiner vielen Rückzieher.

Ganz schlimm jedoch wird es am Ende, wenn der Film nach einen Zeitsprung behauptet, Linney und Hoffmann hätten durch die gemeinsamen Erfahrungen alle Probleme gelöst und zu einer gesunden Beziehung und innerem Frieden und Stärke gefunden. Das ist nicht nur unglaublich verlogen und klischiert, man fragt sich: was haben die beiden eigentlich genau durchgemacht? Sie haben ihren Vater in ein Heim gesteckt und sich ständig gestritten, mehr nicht. Die Charaktere der Geschwister sind bei genauerer Betrachtung nichts weitzer als ichbezogene, selbstverliebte Langweiler. Dass der Film sich nicht für das weitere Schicksal des Vaters interessiert, sondern mit den geläuterten Geschwistern schließt, passt in das Bild eines Films, der offensichtlich für das Sundance-Publikum gemacht wurde, das längst zum absoluten Mainstream verkommen ist.
Einen großartigen Moment gibt es, wenn Papa Savage im Auto sein Hörgerät abstellt, um das Gezetere seiner Kinder nicht länger mitanhören zu müssen. Da war ich ganz bei ihm.

Gelobt werden müssen natürlich die Darsteller. Sowohl Linney als auch Hoffmann sind einfach hochtalentierte Schauspieler, und sie allein machen den Film sehenswert. Ich hätte allerdings darauf verzichten können, Linney als Neurotikerin zu sehen, die (natürlich) ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann hat und ständig mit ihrem Baum unterm Arm unterwegs ist, das sind sämtlich Klischees.

Ich verstehe, warum alle Welt diesen Film ins Herz geschlossen hat - er scheint auf den ersten Blick mutig und originell und ist dabei gleichzeitig so knuddelig und humorvoll. Kratzt man aber an seiner Oberfläche, kommt sehr viel heiße Luft hervor. Ich habe mich noch zwei Tage später über DIE GESCHWISTER SAVAGE geärgert. Ein Film wie "An ihrer Seite" geht mit dem gleichen Thema sehr viel verantwortungsbewusster und intensiver um.

02/10

Kommentare:

  1. Kicher...ich habs mir ja fast gedacht, dass da ein Verriss kommt. Ich muss sagen, dass ich den Film gerade wegen diesen nervigen Geschwistern ziemlich gut fand. Meine Lieblingsszene war auch die mit dem Abschalten vom Hörgerät. Gut, ich hab mir den an Weihnachten angeschaut, da ist man eh harmonisch drauf. Und eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema hab ich gar nicht erwartet, das wäre m.E. eigentlich immer eine sehr traurige Angelegenheit. Für mich wars eher eine gewitzte, teilweise bittere Bestandsaufnahme zum heutigen Wohlstandsmenschen, für den schon die kleinste Anstrengung ausserhalb seines gewohnten Tagesablaufs zum Stress deklariert wird und der eben genauso egoistisch und egozentrisch drauf ist wie die Geschwister Savage.
    Dass sie sich am Ende dann wie Gutmenschen fühlen und denken sie wären gereift, fand ich ebenfalls ziemlich gut gemacht.
    Thalias Meinung würde mich schon auch interessieren. Vielleicht mal als Weihnachtsfilm 2010 vormerken...kicher.

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  2. Hi Ray, das ist eine interessante Meinung, ich kenne natürlich auch Deine Rezension. Ich habe auch immer überlegt, ob der Film diese Wandlungen ernst meint oder nicht, ich habe aber für die Satire nicht wirklich viele Hinweise gefunden, gerade am Ende. Da schien es mir doch, dass um jeden Preis ein versöhnlicher Schluss nötig war. Ich hätte die Geschichte lieber mit authentischen Figuren gesehen als in dieser Überzeichnung, möglicherweise war ich durch eigene Erfahrungen auf dem Gebiet auch vorbelastet. Ich hätte auch gern das Thema Geld angesprochen gesehen, aber auch das war wieder einmal kein Problem. Das Schicksal der Savages war mir im Grunde herzlich schnuppe - ganz anders war das bei "An ihrer Seite", der hat mich wirklich tief bewegt, auch wenn er ebenfalls bei der Zeichnung des Heims nicht gerade realistisch ist.

    Aber warum dachtest Du Dir schon, dass da ein Verriss kommt? grins

    Liebe Grüße, Mathias

    P.S. Ich habe den Film zusammen mit einem Freund gesehen, der irgendwann meinte "Wenn ich noch einmal das Wort 'Brecht' höre, schalten wir aus." Das fand ich wiederum witzig.

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