Sonntag, 7. März 2010

Der letzte Zug (1962)

Nach seinem großen Erfolg mit "Frühstück bei Tiffany" (1961) drehte Komödienspezialist Blake Edwards mit DER LETZTE ZUG (Experiment in Terror) einen ungewohnt düsteren, rohen und hochspannenden Thriller.

Der Film erzählt von einer jungen Bankangestellten in San Francisco (Lee Remick), die eines Nachts von einem Unbekannten überfallen wird, der ihr befiehlt für ihn 100.000 Dollar aus der Bank zu stehlen. Der genaue Zeitpunkt würde ihr noch mitgeteilt, falls sie zur Polizei ginge oder nicht mitspiele, würden sie oder ihre junge Schwester (Stefanie Powers) dran glauben müssen. Trotz der Drohung wendet sich unsere Heldin an FBI-Mann Glenn Ford, und es beginnt eine fieberhafte Suche nach dem Erpresser...

Mit dem wundervoll gestalteten Vorspann (Remick fährt nach Feierabend durchs nächtliche San Francisco), begleitet von Henry Mancinis stimmungsvoller Musik, springt Blake Edwards mitten hinein in seine Geschichte. Die Figuren werden kaum charakterisiert und sind eher Typen, die man aus dem Film Noir kennt - die unschuldige, schöne Heldin, der harte Cop, die lasterhafte Zeugin, der psychopathische Täter, etc. Sie werden vom Film in ein ultra-realistisches Ambiente aus alltäglichen Sets (Wohnung, Bank, FBI-Büro) eingebettet, während der wendungsreiche Plot dafür sorgt, dass der Zuschauer kaum zum Nachdenken über die Glaubwürdigkeit kommt.

Die S/W-Kamera-Arbeit ist hervorragend und nutzt insbesondere die Tiefenschärfe zur Spannungssteigerung. Verkantete Kamerapositionen und das Hervorheben von scheinbar bedeutungslosen Objekten im Vordergrund (wie ein Stoff-Tiger, der später wichtig wird) schaffen eine konstante Atmosphäre der Bedrohung. Gelegentlich greift Edwards auch auf Horrorfilm-Stilmittel zurück, etwa in einer extrem unheimlichen Sequenz, in der eine Zeugin in ihrer Wohnung vom Täter aufgelauert wird (in der Wohnung stehen und hängen überall Schaufensterpuppen).
DER LETZTE ZUG wirkt insgesamt nicht sehr kostspielig, was sich z.B. an den eher provisorischen Sets im FBI bemerkbar macht, welche lediglich aus Schreibtischen, Fenstern und Stühlen bestehen. Im Finale allerdings protzt der Film mit seinen Locations. Hier dient ein vollbesetztes Baseball-Stadion als Kulisse für den Schluss-Fight zwischen Gut und Böse.

Die Schauspieler leisten allesamt solide Arbeit, Glenn Ford ist als Veteran aus zahllosen Gangster-und Noir-Klassikern natürlich die Trumpfkarte der Besetzung. Lee Remick ist schön, verletzlich und überzeugend, Stefanie Powers - die spätere "Mrs. Hart" aus "Hart, aber herzlich" - muss als 16-jährige Schwester zumeist ängstlich dreinschauen. Hervorzuheben wäre noch Ross Martin als kranker Erpresser und Mörder. Sein Name taucht nicht im Vorspann auf, weil seine Identität lange im Dunkeln bleibt und wir stets nur Ausschnitte seines Gesichts zu sehen bekommen. Komponist Mancini begleitet jeden seiner Auftritte mit düsteren Klängen und sorgt für das passende Gänsehaut-Feeling.

Mit seinen gut zwei Stunden ist DER LETZTE ZUG vielleicht einen Tick zu lang, aber in allen Belangen hochklassiges, spannendes Thriller-Kino der 60er. Ein Zug kommt übrigens im ganzen Film nicht vor, der deutsche Titel ist eher im übertragenen Sinne gemeint und nicht gerade glücklich gewählt. Und eine kleine Anekdote am Rande - gleich zu Beginn fährt Lee Remick in ihren Stadtteil mit dem Namen "Twin Peaks"...
Sehr empfohlen!

9.5/10

Kommentare:

  1. Hallo Felix, danke für die ausführliche Rückmeldung, den Red Lynch habe ich tatsächlich schnöde übersehen! Und das als Lynch-Fan, unglaublich. :-)

    Ich mag übrigens von allen Blake Edwards-Filmen "Victor/Victoria" am liebsten, den finde ich großartig gespielt, inszeniert und einfach rundum gelungen, auch ohne Peter Sellers. Alles, was danach kam wie "Skin Deep" oder "Switch" war gar nicht mein Fall, und vieles davor ebenfalls nicht (wobei ich für Tiffany immer eine Lanze brechen würde, wenn man Mickey Rooney streicht).

    Die deutsche Titelgebung ist so ein Kapitel für sich, einerseits schrecklich, andererseits besitzen Filme aber gerade durch diese bizarren Titel bei mir auch einen besonderen Kultstatus, angefangen natürlich bei Bavas "Stunde, wenn Dracula kommt" ohne Dracula, oder "Der Irre vom Zombiehof" ohne Zombies, gern auch "Spion in Spitzenhöschen" ohne Spitzenhöschen, etc.
    Und ein "Blutiger Sommer im Camp des Grauens" klingt doch schmissiger als "Sleepaway Camp" ...

    Liebe Grüße!

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Mathias,
    nun hab ich auch 'Victor/Victoria' angesehen; und ich muß Dir zustimmen, eine durchaus gelungene Inszenierung. Die Gefahr bei Blake Edwards ist immer, dass seine Komik in Klamauk ausartet - hier hat er sich beherrscht, so ist es gut. Und es ist einer der wenigen Fälle, in denen das Remake besser als das Original ist - ja, ich hab mir auch das noch angesehen: in 'Viktor und Viktoria' von Reinhold Schünzel (Deutschland 1933) spielt zwar Renate Müller überzeugend die Rolle der Mann/Frau, aber der ganze Ablauf ist (zeitbedingt) etwas zu brav. Blake Edwards Remake bringt die Geschlechts-Irritationen freier und zugleich ernsthafter, manchmal sogar tiefsinnig.
    Auch wenn B.E. kein Großmeister ist, auch wenn er oft die Grenze zum Schund überschreitet - gibt es also doch ein paar Filme von ihm, die sehenswert sind. 'Frühstück bei Tiffany' (1961), 'Der letzte Zug' (1962), auch 'Der rosarote Panther' (1963) gefällt mir noch, 'Der Partyschreck' (1968) ist eine gutes Spiel von Peter Sellers - aber mich stört der allzu klamaukhafte Schlußteil, schließlich 'Victor/Victoria' (1982). Der schwergewichtige Filmtheoretiker James Monaco zählt noch 'Days of Wine and Roses' (1962) und 'S.O.B.' (1981) dazu - die habe ich, glaube ich, aber noch nicht gesehen.

    AntwortenLöschen
  3. Hallo Felix, den alten "Viktor und Viktoria" habe ich leider nie gesehen, dachte mir aber schon, dass er wahrscheinlich ein bisschen braver ist. "Days of Wine and Roses" habe ich bislang auch nicht gesehen. "S.O.B." hat ein par gelungene Gags, insgesamt war ich aber enttäuscht, obwohl dies sicher Edwards bissigster Film ist.

    AntwortenLöschen
  4. Ich gestehe, dieser Film ist mir gänzlich unbekannt, aber Deine Rezi macht neugierig. Vielleicht hab ich ja mal Glück und er fällt mir auf nem Wühltisch in die Hände. ;-)

    AntwortenLöschen
  5. Ich kann den nur empfehlen, ein sehr schöner Thriller! LG!

    AntwortenLöschen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...