Mittwoch, 17. Februar 2010

Zeit der Unschuld (1993)

Schon bevor die Handlung überhaupt beginnt, kann allein der wunderschön gestaltete Vorspann von Saul und Elaine Bass, untermalt von Elmer Bernsteins grandioser Musik, den Zuschauer begeistern, und auch die folgenden zwei Stunden gehören zum Schönsten und Ungewöhnlichsten, was Martin Scorsese je geschaffen hat.

Nach einer Vorlage von Edith Wharton erzählt ZEIT DER UNSCHULD vom Gesellschaftsleben im New York um 1870, eine Zeit, in die sich viele Romantiker hineinwünschen, die aber bei genauerer Betrachtung die Hölle auf Erden ist, weil sich alle Gefühle und Leidenschaften den Konventionen unterordnen müssen, will man nicht als Außenseiter zugrunde gehen. Und eben diese genaue Betrachtung macht ZEIT DER UNSCHULD zu einem Meisterwerk. Jenseits schwülstiger Kostümdramen schwelgt Scorsese gemeinsam mit seinem Kameramann Michael Ballhaus geradezu in der Opulenz von detailgetreuen Kostümen und Requisiten, um aber immer wieder klarzustellen, dass diese opulente Oberfläche alles ist, was diese feine Gesellschaft zusammenhält.
"Weint denn in Amerika niemand?", fragt Michelle Pfeiffer und gibt sich selbst die Antwort: "Vermutlich muss hier keiner weinen, es sind ja alle so glücklich." Kein anderer als Scorsese bringt es fertig, eine Geschichte voller Leidenschaft und Begehren gleichzeitig so wuchtig und distanziert zu inszenieren. So "frustrierend" es für den Zuschauer ist, zwei Stunden mitanzusehen wie ein füreinander geschaffenes Paar NICHT zusammen kommt, so richtig und mutig ist es auch. Hier wird nicht - wie in anderen aktuellen Literatur-Vergewaltigungen à la "Effi Briest" - gezeigt, wie sich Menschen gegen alle Konventionen stellen, um dem Zuschauer eine billige positive Botschaft zu vermitteln, hier geht es um die Gnadenlosigkeit einer Zeit, die alles andere als unschuldig war, und die Menschen für den schönen Schein zerstören konnte.

Die Darsteller spielen ihre Rollen sämtlich mit Hingabe und passen sich perfekt in das zeitliche Ambiente ein. Michelle Pfeiffer gefällt mir hier noch besser als in Stephen Frears' großartigem "Gefährliche Liebschaften", weil sie vielschichtiger agieren kann und neben großer Würde und Eleganz auch unglaubliche Traurigkeit und Härte hinter ihrer schönen Fassade offenbart. Winona Ryder ist gar so umwerfend als kindliche May, dass man nie sicher sein kann, was sie wirklich denkt und fühlt, und man wird es klugerweise nie erfahren. Der stolze Daniel Day-Lewis leidet so schön wie kein anderer. Der Film wird begleitet von einem Voice-Over, in welchem (im Original) Schauspielerin Joanne Woodward mit geschliffener Ironie Teile des Romans zitiert.

Viel mehr bleibt nicht zu sagen. Bei den Oscars wurde ZEIT DER UNSCHULD geradezu obszön ignoriert, vermutlich, weil er doch zu intelligent mit seinem Thema umgeht, jeden Kitsch und Pathos meidet und den amerikanischen Traum (wie so oft in Scorseses Schaffen) denunziert. ZEIT DER UNSCHULD ist ein Festmahl für Augen, Ohren und Gehirn, er gehört für mich zu Scorseses besten und vielleicht meistunterschätzten Filmen.

09/10

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