Mittwoch, 17. Februar 2010

Womit habe ich das verdient? (1984)

WOMIT HABE ICH DAS VERDIENT? ist eine wunderbare kleine, gemeine und auf alle Tabus spuckende Tragikomödie, ein Familienfilm der etwas anderen Art, der sich Themen annimmt, die andernorts ein bedrückendes Sozialdrama abgeben würden.

Carmen Maura spielt in diesem frühen Film des spanischen Regie-Meisters Pedro Almodóvar wieder eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, und das macht niemand besser als sie. Als Putzfrau Gloria schnüffelt sie an Putzmitteln und Klebstoff, schluckt Tabletten und verscherbelt ihren minderjährigen Sohn, der sich als Stricher betätigt, mal eben an den lüsternen Zahnarzt, damit sie eine Sorge los ist. Manchmal ist sie zu Gast bei der Nachbarin Cristal (Verónica Forqué, die spätere "Kika"), einer Prostituierten, und betrachtet den frisch gekauften Lockenstab, während Cristal und ein Freier vor ihren Augen eher privaten Dingen nachgehen.

Die Charaktere sind bis ins Extrem überspitzt und dennoch authentisch, die Lebenssituation im Arbeiterviertel Madrids zum Fürchten. Dennoch gelingt es Almodóvar, diesem traurigen Sujet eine Menge Humor zu entlocken. Man lacht über die Absurditäten, man erfreut sich an den Unkorrektheiten (soweit man kann, wie üblich ist dies kein Film für Menschen, denen guter Geschmack am Herzen liegt). In heutigen Zeiten politischer Korrektheit ist es geradezu eine Wohltat, wie Almodóvar sämtliche Klischees des Familienfilms zerschmettert. Sein Film wurde wenige Jahre nach der Franco-Diktatur produziert, so ist WOMIT HABE ICH DAS VERDIENT? nicht nur provokante Unterhaltung, sondern bedeutet auch Ausbruch und Demontage erzkonservativer Familienwerte.

Die Darsteller agieren allesamt hervorragend, die meisten von ihnen gehören zu Almodóvars Stamm-Ensemble. WOMIT HABE ICH DAS VERDIENT? nimmt vieles von "Volver" vorweg, wie den Tod des Ehemannes und die Rückkehr ins Dorf. Almodóvars Werke verweisen immer auch auf sich selbst, Kreise öffnen und schließen sich. Seine Filme sind unverwechselbar und trotz der deutlichen Einflüsse stets absolut eigenständig. So baut er an passender Stelle eine köstliche Hitchcock-Hommage ein, und viele deprimierende Vorgänge werden von Zarah Leanders "Nur nicht aus Liebe weinen" begleitet.

Seine größte Leistung liegt aber in der Ambivalenz. Man lacht über die Charaktere und Situationen, wenn aber Carmen Maura als durch und durch tragische Figur kurz davor steht, sich vom Balkon zu werfen, dann fühlt und leidet man mit ihr, schämt sich fast für die Belustigungen. Dieses Wechselbad der Gefühle ist typisch Almodóvar, er ist meiner Ansicht nach der einzige Regisseur, dem es immer wieder meisterhaft gelingt, das vielleicht Schwierigste aller Genres - die Tragikomödie - perfekt umzusetzen. Ein Film Lichtjahre entfernt vom Mainstream, künstlerisch geschlossen und höchst erfrischend.

08/10

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