Mittwoch, 17. Februar 2010

Wer mich liebt, nimmt den Zug (1998)

"Wer mich liebt, nimmt den Zug" ist von der ersten Minute an ein fesselndes Stück Kino. Mehrere Personen, die in verschiedenen Beziehungen zueinander stehen, machen sich mit dem Zug auf, um zur Beerdigung eines Freundes bzw. Verwandten zu reisen, was sein letzter Wille war.

Wie Regisseur Patrice Chereau bereits zu Beginn das hektische Treiben auf dem Bahnhof einfängt und nebenbei seine Charaktere einführt, ist brillant und vollkommen leichthändig. Anders als mein Vor-Rezensent halte ich "Wer mich liebt..." für alles andere als gescheitert, im Gegenteil. Dies ist eine von Chereaus besten Arbeiten. Die Konflikte und Situationen sind auf den Punkt getroffen und klar gezeichnet, das Setting (der überwiegende Teil des Films spielt im Zug) ist realistisch und beklemmend, der Ton des Films schwankt zwischen trauriger Melancholie, Nervosität und bitterem Humor. Anders als in US-Produktionen bekommen wir die Charaktere und ihre Probleme nicht auf dem Silbertablett präsentiert, sondern man braucht als Zuschauer eine ganze Weile, um zu verstehen, wer in welcher Beziehung zu den anderen (und dem Verstorbenen) steht und wo sich die Konflikte befinden.

Es ist, als wäre man selbst Mitreisender und würde diese merkwürdige Gruppe höchst neurotischer Menschen gerade kennen lernen. Je näher die Figuren der Beerdigung kommen, desto schneller und härter fallen die Masken. Nach der Beerdigung im Haus des Toten spitzen sich die Konflikte noch einmal zu, hier ist aber auch Raum für Versöhnung. Ein klasse Thema, technisch einwandfrei umgesetzt. Man mag Chereau vielleicht mangelnde Geschlossenheit vorwerfen, aber für mich ist gerade die Freiheit seines Umgangs mit dem Stoff (das Zug-Setting wird mehrfach aufgebrochen, die Kameratechniken wechseln je nach Gemütslage der Figuren) so faszinierend.

08/10

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