Montag, 15. Februar 2010

Wenn die Gondeln Trauer tragen (1973)

Noch heute vermag Nicolas Roeg's Meisterwerk WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN zu faszinieren und zu verstören. Nach einer Kurzgeschichte von Daphne Du Maurier erzählt der Film von einem gebrochenen Paar (Donald Sutherland und Julie Christie), das nach dem Tod seines Kindes in Venedig merkwürdige Dinge erlebt.

Die Stadt Venedig, so oft klischeehaft als Postkartenidylle inszeniert, ist hier ein Ort des Schreckens, düster, bedrohlich, kalt, dreckig. Ein Labyrinth, aus dem es kein Entkommen gibt. Keine Sonne scheint über die Kanäle und Gondeln.

Die Darsteller leisten brillante Arbeit. Durch kleine Gesten, Blicke, den Umgang miteinander überzeugen sie vollkommen als Ehepaar. Ihre ausgedehnte Sex-Szene war seinerzeit Anlass zu heuchlerischer Medienhysterie, ist aber für die Erzählung von großer Wichtigkeit und betört noch heute durch ihre Sensibilität und Unverklemmtheit, die US-Regisseure im Traum nicht zustande bringen würden. Nicolas Roeg's eigene Handschrift ist hier unverkennbar. Kurze, eingestreute Jump-Cuts, assoziative Schnitte, schnelle und überraschende Kamerabewegungen, mysteriöse Kamerawinkel, blitzartige Rückblenden - das alles ergibt ein filmisches Puzzle, das in höchstem Maße suggestiv und faszinierend wirkt.

WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN ist darüber hinaus viel mehr als ein Thriller oder Horrorfilm. Der Tod des Kindes ist zentraler Ausgangspunkt und Konflikt der Geschichte und wird vom Film ernst genommen. Fragen nach PSI, der Vorhersehbarkeit tragischer Ereignisse, der Allmacht des Schicksals, dem Raum-/Zeit-Kontinuum (das Roeg in jedem Film beschäftigt) werden aufgeworfen. Der Film sei also allen ans Herz gelegt, die Wert auf gut gespielte, intelligente und optisch ausgefallene Unterhaltung jenseits vom Mainstream legen. Für mich Nicolas Roegs bester Film und ein cineastisches Juwel, kein Fast-Food-Kino.

10/10 (was sonst?)

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