Mittwoch, 17. Februar 2010

Wahre Lügen (2005)

"Wahre Lügen" von Atom Egoyan ("Exotika") erzählt von einem Komikerduo, dessen Karriere in den 50ern abrupt nach dem Auftauchen einer Leiche in einer Hotelsuite endete und von einer jungen Autorin, die in den 70ern loszieht, um diese mysteriöse Geschichte aufzuklären.

Es ist nicht ganz klar, was "Wahre Lügen" eigentlich sein will - für einen Erotik-Thriller ist er nicht spannend genug (immerhin geht es nur um die Aufklärung eines lange zurückliegenden Mordes, bei dem niemand in Gefahr gerät), für einen Film Noir zu wenig düster und abgründig, über das Showbusiness der 50er erfährt der Zuschauer ebenfalls kaum etwas außer Klischees (ein bisschen Mafia, ein bisschen Groupie-Sex und Benzidrin-Einnahmen hinter der Bühne), und für ein Drama sind die Figuren allesamt zu distanziert, als dass man sich wirklich für sie interessieren würde.

Aber "Wahre Lügen" ist trotz seiner Schwächen faszinierend und bis zum Ende fesselnd, denn Regisseur Egoyan verpackt seine im Grunde billige Groschengeschichte in knallbunte, nostalgisch-schwüle Bilder, er springt locker zwischen den beiden Zeitebenen und verschiedenen Voice-Overn hin und her und füllt den Rest mit sehr viel schrillem Sex. In einer sehr psychedelischen Sequenz wird Hauptdarstellerin Alison Lohman von Colin Firth unter Drogen gesetzt und zum Sex mit einer als "Alice im Wunderland" (komplett mit Hasenohren) kostümierten Sängerin genötigt.

Tatsächlich bekam "Wahre Lügen" in den USA das berüchtigte NC-17-Rating, das nur Erwachsenen den Kinobesuch gestattet und daher von den meisten Kinos des Landes gar nicht gespielt oder beworben wird. Bislang konnten sich nur wenige Mainstream-Filme dieses Prädikat abholen und wurden allesamt zum Flop (das berühmteste Beispiel ist Paul Verhoevens "Showgirls").

Obwohl Atom Egoyan ein durchaus intellektueller Regisseur ist, handelt es sich bei "Wahre Lügen" um puren Trash, der so raffiniert verpackt ist, dass man den Unterschied zwischen Kunst und Kitsch nicht mehr wahrnimmt. Das NC-17 bekam der Film natürlich für einen dargestellten Dreier zwischen Kevin Bacon, Colin Firth und einer Hotelangestellten (späterer Leiche), der allerdings nur ein prüdes US-Publikum zur Entrüstung bringen kann, für europäische Verhältnisse ist das alles sehr züchtig.

Der Story zugrunde lag übrigens die Geschichte von Jerry Lewis und Dean Martin, die ebenfalls lange Jahre als Duo über die Bühnen und Bildschirme tingelten und deren Wege sich ebenfalls abrupt trennten. Man darf bezweifeln, ob die Gründe die gleichen waren wie hier vorgeführt (ohne zuviel zu verraten ist die Auflösung des Geheimnisses eher absurder Natur und funktioniert nur, weil sie in den 50ern angesiedelt ist). Kevin Bacon als aufgeregter Spaßmacher Lenny und Colin Firth als beherrschter Vince liefern jedenfalls sehr intensive Darstellungen ab, Hauptdarstellerin Alison Lohman kann ihnen zwar nicht das Wasser reichen, überzeugt aber durch eine fast naive Erotik.

Erwähnt werden sollte noch die wirklich hervorragende, sehr klassische Thriller-Filmmusik von Mychael Danna. Der (armenische) Regisseur Egoyan zeigt übrigens neben viel nackter Haut eine böse Vorliebe für die Beleidigung amerikanischer Ikonen wie JFK, Marilyn Monroe, etc. Möglicherweise war das zuviel für die USA. Ähnlich wie Regisseur Brian de Palma (der diesen Stoff wahrscheinlich geliebt hätte) zeigt Egoyan viel Spaß an der unterschiedlichen Interpretierung eines Augenblicks. So wird die entscheidende Nacht mit ihren Ereignissen mehrfach aus verschiedener Sicht erzählt, jedes Mal ein wenig anders. Das alles macht den Film zu einem puren Vergnügen. Er ist eigenwillig, schräg und irgendwie schwer zu fassen, aber genau das macht für mich seinen Reiz aus.

Eine Warnung scheint mir dennoch angebracht - er wird gerade wegen seiner Eigenwilligkeit sicher nicht jedermann gefallen.

07/10

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