Montag, 15. Februar 2010

Vor Einbruch der Nacht (1971)

Claude Chabrols VOR EINBRUCH DER NACHT (Juste Avant La Nuit) aus dem Jahr 1971 war der letzte Film seines "Hélène-Zyklus'" und Abschluss einer Reihe von Meisterwerken, zu denen u.a. "Der Schlachter" und "Das Biest muss sterben" gehören.
Der Film wird allgemein als Gegenentwurf zu Chabrols "Die untreue Frau" betrachtet, weil die Handlung fast identische Motive aufweist. Michel Bouquet spielt den Werbefachmann Charles, der (noch vor dem Vorspann) seine junge Geliebte bei einem S/M-Spiel tötet. Wie sich herausstellt, ist die tote Geliebte die Ehefrau seines besten Freundes Francois (Francois Périer). Die Polizei kommt ihm nicht auf die Spur, und Charles hat mehr und mehr Probleme, mit der Schuld zu leben. Er beichtet die Tat seiner Ehefrau Hélène (Stéphane Audran) und auch seinem Freund, doch beide vergeben ihm. Das stürzt Charles nur noch tiefer in die Depression und führt schließlich zu einer Tragödie...

Chabrols Drama weiß von der ersten Filmminute an zu packen und stürzt den Zuschauer in heftige Gewissenskonflikte. Wieder beweist sich Chabrol als Verehrer von Hitchcock. Man möchte nicht, dass Charles von der Polizei gefasst wird, obwohl er ein Mörder ist. Für sein Leiden scheint es keine Erlösung zu geben.

Die Figuren in VOR EINBRUCH DER NACHT leben alle in ihrer eigenen Welt. Freund Francois wohnt in einem noblen Haus, das von Gittern umstellt ist (um das Böse fernzuhalten), sein bester Freund Charles aber (der Mörder seiner Ehefrau) hat ungehinderten Zugang. Charles' Ehefrau sind Affäre und Mord des Gatten fast gleichgültig, ihr ist es wichtiger, dass die Weihnachtsgeschenke für die Kinder rechtzeitig eingekauft werden. Selten war die Welt hinter der heilen bürgerlichen Fassade kälter. Neben "Ich beichte" gibt es noch einen konkreten Hitchcock-Verweis, und zwar auf "Psycho": So brennt Charles' Kollege in der Werbeagentur mit der Kasse durch und wird später von der Polizei gefasst. Auf die Frage, warum er das getan habe, erwidert er nur "Lecken Sie mich am A...!" Charles muss Anzeige gegen den armen alten Mann erstatten, während niemand ahnt, dass er selbst einen Mord auf dem Gewissen hat. So werden die Kleinen gefasst, während die Wohlhabenden (mit größerer Schuld) unantastbar bleiben.

VOR EINBRUCH DER NACHT ist ein deprimierender Film, weil er den Charakteren und dem Zuschauer keinen Ausweg lässt. Selten war Chabrol so konsequent und hoffnungslos. Nicht nur deswegen ist der Film eine künstlerische Meisterleistung.

09/10

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