Mittwoch, 17. Februar 2010

Verschwörung im Berlin-Express (2003)

"Verschwörung im Berlin-Express" ist die originellste Komödie, die ich seit langem gesehen habe, ein echtes filmisches Juwel fernab vom Mainstream.
Der Film beschreibt eine Zugfahrt nach Kriegsende vom verschneiten Stockholm nach Berlin. Unter den Fahrgästen befinden sich u.a. ein alterndes schwules Pärchen, ein ehebrecherisches Paar mit Mordabsichten, eine alte Diva, eine Gruppe ehemaliger Kriegsgefangener in Begeleitung einiger Nonnen sowie die Hauptfigur, ein Kritiker und Schriftsteller, der unbedingt Gutes tun möchte, sich dabei aber so ungeschickt anstellt, dass er eine Katastrophe nach der anderen anrichtet. Gegen Ende verliert seinetwegen eine der Nonnen ihren Glauben, weil Gott "niemals einen derartigen Vollidioten erschaffen könnte". Schon die erste Szene des Films, die ihn bei einer Ablehnung des Pipi Langstrumpf-Stoffes zeigt (mit der Empfehlung, aus den Nebenfiguren Tommi und Annika könne man eventuell etwas machen, aber bloß nicht in den Händen einer Hausfrau wie Lindgren) lässt ahnen, wie komisch der Rest des Films werden wird.

Der Film benutzt einen eleganten Schwarz/Weiß-Look, der stark an Hitchcocks Klassiker erinnert. Regisseur Peter Dalle wollte einen Film erzählen, der komplett unvorhersehbar bleibt und sich von der üblichen Hollywood-Dramturgie von Gut und Böse distanziert. Dies ist ihm in jeder Hinsicht gelungen. "Berlin-Express" ist so überraschend und originell, dass seine Einfälle für mindestens zwei Spielfilme gereicht hätten. Alle Fahrgäste sind so eigene, skurrile und gleichzeitig liebenswerte Charaktere, dass man sie noch lange nach Filmende im Kopf und im Herz behält. Daneben gibt es intelligente Dialoge, bissige philosophische Exkurse über Wittgenstein, haufenweise überraschende Wendungen und genialen Slapstick (ein armer Kriegsheld wird bei jedem Auftritt unabsichtlich immer weiter demoliert und verletzt, bis er am Ende wie eine ägyptische Mumie aussieht, bleibt dabei aber immer äußerst gut gelaunt). Die Darsteller spielen ihre Rollen mit sichtlichem Vergnügen.

08/10

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