Mittwoch, 17. Februar 2010

The Verdict (1982)

Der ausgebrannte Anwalt Frank Galvin (Paul Newman) steht am frühen Morgen in einer billigen Kneipe und flippert emotionslos. Wenn er sich gerade nicht seiner Trunksucht hingibt, drückt er sich auf Beerdigungen herum und verteilt Visitenkarten. Bald schon wird er einen Auftrag erhalten, der ihn wieder vor Gericht bringen und fordern wird - aber ist Frank stark genug, für Gerechtigkeit zu kämpfen, an deren Existenz er schon lange nicht mehr glaubt?

Sidney Lumets Gerichtsdrama THE VERDICT aus dem Jahr 1982 hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Ursprünglich war der Film für Robert Redford geplant, der aber keinen Alkoholiker spielen wollte und auf ein neues Drehbuch von anderen Autoren bestand, später das Projekt verließ. Als Sidney Lumet, Experte für Gerichtsfilme ("Die 12 Geschworenen") an Bord kam, griff er auf das ursprüngliche Buch von David Mamet zurück, Paul Newman zeigte Interesse, und endlich konnte THE VERDICT realisiert werden.

Das eigentliche Gerichtsdrama beginnt dabei erst in der 75. Minute, die Wandlung des desillusionierten Newman vom heruntergekommenen Versager zum Kämpfer für die gute Sache ist das Zentrum des Films und dessen größte Stärke. Newman zeigt eine mitreißende Darstellung (die in meinen Augen seiner ähnlichen und Oscar-gekrönten Vorstellung in Scorseses "Die Farbe des Geldes" überlegen ist) und keine Scheu vor menschlichen Abgründen. Er säuft, torkelt, stottert, sitzt da wie ein Häufchen Elend, er versetzt der reizenden Charlotte Rampling einen Kinnhaken und entdeckt seine Fähigkeiten als Anwalt neu.

Sidney Lumet setzt ihn dafür in ein Ambiente, das an Tristesse kaum zu überbieten ist. Die Farbe blättert von den Wänden, alle Türen und Möbel zeigen starke Risse, ebenso wie Newmans Seele. In der ersten Hälfte ist THE VERDICT reines Psychogramm, dann erst greifen die üblichen Mechanismen des Gerichtsfilms (die Überraschungszeugin, das emotionale Plädoyer, die Tricks und Winkelzüge der Gegenseite). THE VERDICT zeigt wieder einmal, auf welch zerbrechlichen Füßen das Justizsystem steht, wenn die Wahrheit vor Gericht aus formalen Gründen keine Beachtung finden darf und anwaltliches Taktieren alle moralischen Begriffe ersetzt. Vertreter dieser juristischen Taschenspielertricks ist der brillante James Mason in einer kleinen Paraderolle als abgebrühter Anwalt der Gegenseite. Die wunderbare Charlotte Rampling wird trotz der überraschenden Wendung ihrer Figur (die nicht wirklich sehr überraschend kommt) etwas verschenkt.

Gegen Ende wird das Drama vielleicht ein wenig zu publikumsgefällig, doch ich will nicht nörgeln. Im ursprünglichen Mamet-Script übrigens sollte die schlussendliche Urteilsverkündung nicht mehr zu sehen sein, weil sie für Newmans Charakterentwicklung keine Rolle spielt. Das war den Verantwortlichen aber dann doch zu gewagt. THE VERDICT ist spannendes, vielschichtiges und nuanciertes Mainstream- und Schauspielerkino, so soll es sein!

09/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...