Samstag, 13. Februar 2010

...und nichts als ein Fremder (1955)

Regisseur Stanley Kramer ("Das letzte Ufer", "Urteil von Nürnberg") gab 1955 sein Regiedebüt mit dem Melodram UND NICHTS ALS EIN FREMDER (Not As A Stranger).

Robert Mitchum spielt den ambitionierten Medizinstudenten Lucas, der aus armen Verhältnissen stammt und kaum das Geld fürs Studium aufbringt. Die Heirat mit der altjüngferlichen OP-Schwester Olivia de Havilland verhilft ihm zu den nötigen Mitteln, doch Geld ist nicht das einzige Hindernis seiner Mediziner-Karriere. Lucas' Abgrenzung vom Freund Frank Sinatra, eine Affäre mit Gloria Grahame und ein folgenschwerer Kunstfehler drohen seinen Traum bald zerplatzen zu lassen...

Viel Stoff für einen durchaus epischen Film (131 Minuten), der aber dank Kramers straffer Regie nie langweilig wird. Die medizinischen Behandlungsmethoden, die der Film detailliert schildert, sind heute natürlich komplett überholt (auch die Tatsache, dass es unter den Studenten keine einzige Frau gibt!), die menschlichen Konflikte aber sind zeitlos stark, und so wird UND NICHTS ALS EIN FREMDER auch in erster Linie von den Schauspielern getragen. Ich hatte anfangs ein wenig Schwierigkeiten, die wunderbare Olivia de Havilland als blondgefärbte, schlichte OP-Schwester mit schwedischem Akzent zu glauben, und auch Robert Mitchum ist mit seinem düsteren Blick und unbewegtem Spiel als aufstrebender Doktor, dem die Menschen wichtiger sind als die Karriere, gewöhnungsbedürftig (irgendwie nimmt man ihm das prügelnde Rauhbein leichter ab), aber beide sind so hervorragende Schauspieler, dass ich nach kurzer Zeit gefesselt war. In der letzten Szene spielt Mitchum übrigens wirklich herzzerreißend. Sinatra hat nicht viel mehr zu tun als den sympathischen Kumpel zu geben, Gloria Grahame (die Königin des B-Films) begeistert in der zweiten Hälfte als alkoholisierte Witwe mit erotischer Präsenz.

Das Drehbuch ist spannend aufgebaut (wobei die erste Hälfte gelungener ist), die Dialoge sind hervorragend (bereits die erste Szene, in der Broderick Crawford als Pathologe seinen Studenten erklärt, dass der Tod nicht witzig sei und er in seinen vielen Jahren noch nicht einmal darüber lachen konnte, setzt den Maßstab), der Film springt rasch von einem Höhepunkt zum nächsten und bietet mit der von Mitchum gespielten Hauptfigur einen wirklich komplexen Hauptcharakter. Er ist skrupellos genug, der naiven Olivia de Havilland Liebe vorzugaukeln und sie später zu betrügen, als Mediziner aber bedeutet ihm die Ethik alles. Man hin- und hergerissen, ob man ihn sympathisch finden oder ablehnen soll (hier erinnert der Film an "Ein Platz an der Sonne"). Genau in dieser Ambivalenz liegt der Reiz des Films.

UND NICHTS ALS EIN FREMDER ist vielleicht kein großer Klassiker, aber aufgrund seiner Erzählweise und hervorragenden Schauspieler immer noch sehenswert. Wer "Emergency Room" liebt, der kann sich hier anschauen, wie sich Zeiten und Methoden geändert haben, die Konflikte aber gleich geblieben sind.

07/10

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