Mittwoch, 17. Februar 2010

Tropfen auf heiße Steine (1999)

Der französische Regie-Star Francois Ozon (Swimming Pool, 8 Frauen) hat sich mit TROPFEN AUF HEISSE STEINE eines frühen Theaterstücks von Rainer Werner Fassbinder angenommen hat, das Fassbinder nie zur Aufführung brachte. Ein kleines Stück, vier Personen, ein Schauplatz. Die Themen: Zusammenbruch von Liebe, Abhängigkeit und ungestilltes Liebesverlangen. Dazu baut Ozon Querverweise auf Fassbinder-Filme ein - von PETRA VON KANT bis FAUSTRECHT DER FREIHEIT.

Die Geschichte: Der ältere Leopold (Bernard Giraudeau) verführt den unerfahrenen Franz (Malik Zidi), wir spüren körperliches Begehren, Faszination, den Reiz des Unbekannten. Zeitsprung, das Paar geht sich auf die Nerven, spielt gemeine Spielchen, das Unbekannte ist zum Vertrauten geworden, und das Vertraute macht uns Angst. Zwei Frauen (Ludivine Sagnier und Anna Thomson) kommen hinzu, und das Melodram nimmt seinen tödlichen Lauf...

Das alles ist fesselnd und zwingend, wenngleich die bewusst inszenierte Theaterhaftigkeit manchen Zuschauer abschrecken könnte. Fassbinder war ein Künstler mit genauem Blick für menschliche Abgründe und Verzweiflung. Ozon ist es ebenfalls. Beide haben kein Interesse an Hollywood-Dramturgie, geheuchelten Gefühlen und dramaturgischen Schliffen. Lediglich der eingeschobene "Tanze Samba mit mir"-Part, in dem die vier Darsteller gemeinsam tanzen, ist reiner Ozon (und Fingerübung für "8 Frauen"). Doch selbst hier ist die Sequenz kein Selbstzweck, sondern erzählt die Figuren konsequent: In der Choreografie der Liebe hat Franz längst den Anschluss verloren, kann nur hinterher hinken. Leopold sieht niemanden an, er interessiert sich nur für sich selbst.
Die eindringlichste Figur im Film ist Vera (Thomson), die sich aus Liebe zu Leopold einer Geschlechtsoperation unterzogen hat (ein Verweis auf Fassbinders IN EINEM JAHR MIT 13 MONDEN). Sie ist wie in so vielen Fassbinder-Filmen das Opfer, das nach einer Liebe hungert, die sich nie erfüllt. Alles, was sie und Franz an Liebe erhalten, sind Tropfen auf heiße Steine. Am Ende versucht sie, ein Fenster zu öffnen, schafft es aber nicht. Sie ist gefangen, für immer. "Vielleicht komme ich in den Himmel, weil ich so jung bin", sagt Franz. Man kann nur immer wieder staunen, dass Fassbinder das Stück mit 19 (!) Jahren geschrieben hat.

Ozon hat das Stück nicht auf Frankreich übertragen, sondern in Deutschland belassen, inklusive bewusst geschmackloser 70er-Ausstattung. So lesen die Darsteller Konsalik-Romane ("Liebe ist stärker als der Tod", der wiederum an Fassbinders eigenen LIEBE IST KÄLTER ALS DER TOD erinnert) und hören Tony Holiday-Schlager. Die Musikauswahl ist exzellent, die Erotik herrlich unverkrampft und gleichzeitig vielsagend. Die Darsteller spielen exzellent. Ludivine Sagnier, die später in Ozons "Swimming Pool" brillierte, ist die definitive Verkörperung jugendlicher Unbekümmertheit, Malik Zidi ein zum Dahinschmelzen liebenswertes Opfer seiner Gefühle. Man möchte ihn an der Hand nehmen und aus der Wohnung zerren, wenn man nicht selbst wüsste, was die Liebe manchmal mit einem machen kann.

TROPFEN AUF HEISSE STEINE ist kein Film für Jedermann. Er ist kühl, dialoglastig, künstlich und sperrig, aber zugleich auch witzig, sexy, melodramatisch und emotional.

10/10

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