Mittwoch, 17. Februar 2010

Track 29 (1988)

TRACK 29 aus dem Jahr 1988 gehört zu den bizarrsten Filmen des britischen Kultregisseurs Nicolas Roeg, und das will etwas heißen.
In dieser britisch/amerikanischen Co-Produktion nimmt Roeg das hässliche Amerika der Vororte unter die Lupe, genauer gesagt die unglückliche Ehe der Hausfrau Linda Henry (Roegs Ehefrau Theresa Russell), die sich mit Zahnspange und Puppensammlung in kindliche Verhaltensmuster flüchtet, während ihr Ehemann Dr. Henry Henry (der wunderbar schräge Christopher Lloyd) sich nur für seine Spielzeugeisenbahn interessiert, wenn er sich nicht gerade von der skurrilen OP-Schwester (die nicht minder schräge Sandra Bernhard) mit Gummihandschuhen den Po versohlen lässt.
Als der junge Brite Martin (Gary Oldman) plötzlich auftaucht und erklärt, er sei der Sohn von Linda, den sie im Teenager-Alter nach einer Vergewaltigung zur Adoption freigegeben hat, gerät Lindas ohnehin schon bizarres Leben völlig außer Kontrolle...

Eine treffende Inhaltsangabe ist schwierig, denn Nicolas Roeg beschreitet in seinem grellen Mix aus Satire, Psychodrama und Horrorfilm so verschlungene Wege, dass man kaum hinterher kommt. Ist Martin wirklich Lindas Sohn oder ein Geisteskranker? Existiert Martin überhaupt? Wie es scheint, nimmt Linda die Bekanntschaft mit Martin als Anlass, ihre tragische Vergangenheit aufzuarbeiten und sich aus der Ehe-Hölle zu befreien. Dies geschieht dann so explosiv, dass einem die Haare zu Berge stehen. Roeg ist bekannt für seine assoziativen Schnitte und schnellen Wechsel, Lindas Erinnerungen an die Vergewaltigung auf einem Rummelplatz (wieder Gary Oldman, diesmal als Täter, ein weiterer Hinweis darauf, dass "Martin" nur ein Phantom aus der Vergangenheit ist) und die Geburt Martins sind Schreckensbilder, die urplötzlich auftauchen und die Handlung verzerren.

Roegs Vorstellung eines hässlichen Plastik-Amerikas findet sich sowohl in den alltäglich-banalen Sets wie den geschmacklosen Kostümen. Überall werden die Charaktere vom Fernseher und Cartoons berieselt (gegen Ende doppelt sich sogar die Filmhandlung mit dem Klassiker "Ein Köder für die Bestie", der im Fernsehen läuft), Kultur ist nur in Form von Trash vorhanden. Ein lächerliches Treffen der konservativen Eisenbahnliebhaber wird von Roeg wie ein US-Präsidentschaftskongress inszeniert. Kein Wunder, dass TRACK 29 in den USA geradezu feindselig aufgenommen wurde.

Hauptdarstellerin Theresa Russell wurde so ziemlich alles vorgeworfen, tatsächlich aber spielt sie ihre schlichte, überspannte Hausfrau mit neurotischen Zügen (und Hang zum Alkohol, sie kippt sich schon früh morgens den Wodka in den Orangensaft) ganz hervorragend. Dass sie dadurch keine Identifikationsfigur wird, liegt in der Natur der Sache (in der deutschen Synchronfassung ist sie noch nerviger). Der junge Gary Oldman sprüht nur so vor Energie und reißt alle Szenen an sich ("Jeder sollte eine Mutter haben").

TRACK 29 ist im Grunde ein Zwei-Personen-Stück. In den Szenen zwischen Oldman und Russell unterfüttert Nicolas Roeg die ohnehin schon intensive Beziehung der beiden noch mit inzestuösen Momenten (Martin will noch immer an Mamis Brust). Sein Film ist absolut nichts für den Massengeschmack, sogar Roeg-Fans sind sich uneins, ob der Film ein Flop oder ein Meisterwerk ist. Ich liebe TRACK 29 wegen all seiner Verrücktheit und der faszinierenden Psychologie. Ganz besonders liebe ich das schwarzhumorige Ende (zum Song "Young at Heart", der letztlich erklärt, dass wir alle Kinder sind und es nie zu spät für einen Neuanfang ist). Brav erzählt wäre er ein tränenreiches Melodram über die Emanzipation einer gedemütigten Hausfrau. So ist er - etwas völlig anderes.
Ein irrer Trip. Sehr empfohlen!

09/10

Komm' spielen, Kind!

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