Mittwoch, 17. Februar 2010

Tootsie (1982)

Der arbeitslose und als schwierig geltende Schauspieler Michael Dorsey (Dustin Hoffman) bekommt als Mann keine Rollen mehr, also versucht er es als Frau und wird umgehend zu "Dorothy Michaels", Star einer Krankenhaus-Soap, Vorreiterin in Sachen Emanzipation, Liebling der Massen und ein Mann, der auch zuhören kann - in Sydney Pollacks sensationellem Erfolg TOOTSIE aus dem Jahr 1982.

Als Dorothy sieht Hoffman zwar dermaßen bizarr aus, dass jede Großaufnahme in der Film-Soap verboten wird, doch spielt es für den Spaß keine Rolle, ob die Maskerade glaubwürdig ist. Es gehört zum Gesetz der Komödie, dass die Verkleidung nicht durchschaut wird.

Das wusste schon Billy Wilder, an dessen "Manche mögen's heiß" TOOTSIE mehr als nur gelegentlich erinnert. Tatsächlich borgt er nicht nur dessen Ausgangssituation (hier ein verzweifelter Schauspieler, dort verzweifelte Musiker), er adaptiert auch mehrere Szenen (etwa wenn Hoffman und Jessica Lange die Nacht im selben Bett verbringen müssen oder ein Kuss zu heftigen Missverständnissen führt). Überhaupt erinnert die entzückende, nervöse Jessica Lange mit ihrer Oscar-gekrönten Darbietung an die unvergessene Marilyn. "Im Auftauen bin ich ein Ass", sagt sie zu Beginn und taut doch weit mehr auf, nämlich die Herzen aller Zuschauer. Zunächst als reines Sexobjekt mit Hang zum Alkohol eingeführt, offenbart sie immer mehr unschuldige und mädchenhafte Züge mit Träumen von Schneeglöckchen und Rosenknospen.

An der Oberfläche ein Schaulaufen für Dustin Hoffman, wird TOOTSIE erst durch das fantastische Ensemble von Nebenfiguren zum wirklich großen Film - Teri Garr als neurotische Schauspiel-Freundin, Bill Murray (dessen Dialoge Gerüchten zufolge sämtlich improvisiert wurden) als trockener Mitbewohner ("Das ist vielleicht ein Krankenhaus, lauter arme Irre!"), oder Charles Durning als trauernder Witwer, der durch "Dorothy" zu junger Liebe erblüht. Sie alle bringen so viel Witz und Skurrilität in TOOTSIE, dass man ihn praktisch immer wieder sehen kann.

Sydney Pollack inszeniert seinen Film nicht als schrille Farce, sondern gestattet den Charakteren neben allen Albernheiten genügend Raum zur Entwicklung und menschlich nachvollziehbare Konflikte. So bietet TOOTSIE weit weniger Brüller, als man vielleicht vermuten dürfte, überzeugt aber als absolut befriedigendes Filmerlebnis, das nebenbei noch die Klischees von Soaps durch den Kakao zieht und verwirrende Fragen aufwirft, wie zum Beispiel: ist ein Mann als Frau ein besserer Mann? Letztendlich aber bleibt TOOTSIE wunderbare Unterhaltung, die wie im Flug vergeht. Ein warmes, kluges Märchen über den Mut, den man braucht, um man selbst zu sein.

8.5/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...