Samstag, 13. Februar 2010

Targets - Bewegliche Ziele (1968)

Mit seinem Spielfilmdebüt TARGETS von 1968 schuf Peter Bogdanovich einen Film, der in der Darstellung eines Snipers und dessen völlig unmotivierter Taten leider heute noch aktuell ist und durch seine beinahe dokumentarische Qualität immer noch verstören kann.

Der Inhalt: Horror-Ikone Byron Orlok (Boris Karloff) verkündet seinen Rückzug von der Leinwand, weil die Tage seiner klassischen Horrorfilme vorbei sind und er sich nicht der Lächerlichkeit preisgeben möchte. Bei einer Drive-Inn-Eröffnung will er ein letztes Mal vor die Öffentlichkeit treten. Gleichzeitig erschießt ein junger Waffen-Narr seine komplette Familie, besteigt einen Gastank und schießt auf vorbeifahrende Autofahrer. Als die Polizei auftaucht, flüchtet der Sniper ausgerechnet zum Drive-Inn...

Bogdanovich eröffnet mit den parallelen Handlungssträngen, die erst im letzten Akt des Films zusammentreffen (und sehr kurz gleich zu Beginn, wenn der spätere Sniper Karloff aus dem Fenster eines Waffengeschäftes per Zielfernrohr anvisiert), eine komplexe Sicht auf fiktionalen und "realen" Horror und die veränderten Zeiten. Karloff glaubt, sein Image passe nicht mehr in eine Zeit, in der es weniger um gepflegten Grusel als um alltägliche Gräuel (wie den Vietnam-Krieg) geht. Tatsächlich lösten Underground-Filme wie Romeros "Night of the Living Dead" und Hoopers "Texas Chainsaw Massacre" den durch Karloff repräsentierten Horror ab. Bogdanovich schildert die Taten des Scharfschützen Bobby Thompson ohne Dialog, die Kamera folgt dem Massenmörder und beobachtet stumm, wie er seine Gewehre lädt, nebenbei ein Sandwich isst, Cola trinkt und danach auf die Passanten zielt. Diese Szenen sind aufrüttelnd und schockierend in ihrer Rohheit. Die aus dem Nichts geborene Gewalt und die Wahllosigkeit, mit der sie völlig Unbeteiligte trifft, können auch aufgrund der Tatsache, dass wir alle immer wieder damit konfrontiert werden, mehr verstören als jeder Horrorfilm.

Im Drive-Inn tötet Bobby Thompson die Zuschauer von der Leinwand aus, während Karloffs Film läuft und der Star selbst als Ehrengast eintrifft. In einem großartigen Moment sieht der Sniper sowohl den "echten" Karloff als auch dessen Leinwandfigur auf sich zukommen und weiß nicht, auf wen er schießen soll. "Ist es das, wovor ich Angst hatte?", fragt Karloff seinen jungen Regisseur (von Bogdanovich gespielt), und man möchte sagen: Das ist es, wovor wir alle Angst haben. Die Horrorfilme sind nichts weiter als böse Märchen, die wir konsumieren, um uns danach wieder der Realität zu stellen. Der Sniper aber ist echt, und beides hat nichts miteinander zu tun.

Nicht zuletzt markierte TARGETS auch Karloffs Leinwand-Abschied. Bogdanovich schenkt ihm einen unvergesslichen Moment, in welchem der große Mime eine Geschichte über Tod und Schicksal erzählt, die allein das Ansehen des Films lohnt.

Produzent Roger Corman gab Bogdanovich die Möglichkeit, den Film billig zu realisieren. Bogdanovich schrieb das Drehbuch, das von Bogdanovichs Freund und Kult-Regisseur Samuel Fuller überarbeitet wurde (der aber auf eigenen Wunsch ungenannt blieb) und inszenierte TARGETS im Guerilla-Stil, ohne Drehgenehmigungen, ohne Filmmusik, mit vielen Außenaufnahmen. TARGETS ist in seiner Schlichtheit ein Meisterwerk. Ich stimme übrigens zu, dass die FSK 12-Freigabe sehr fahrlässig ist. Im Film gibt es eine Einstellung aus dem Drive-Inn, in der ein kleiner Junge neben seinem erschossenen Vater sitzt und nicht begreift, was geschehen ist. Das Bild hat mich als Horror-erprobtem Enddreißiger noch im Schlaf verfolgt.

10/10

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