Mittwoch, 17. Februar 2010

Tagebuch eines Skandals (2006)

"Tagebuch eines Skandals" beeindruckt besonders durch die Tatsache, dass die Geschichte eigentlich einen lupenreinen B-Film abgegeben hätte, doch der Film wird durch die erstklassigen Darstellerinnen Judi Dench und Cate Blanchett sowie durch die Inszenierung und die Musik von Philip Glass derart aufgewertet, dass man den Unterschied zwischen Arthaus und Exploitation nicht mehr machen kann. Diese Mischung ist selten so gut gelungen wie hier.

"Tagebuch eines Skandals" erzählt von der einsamen und strengen Lehrerin Barbara (Dench), die große Zuneigung für die neue, attraktive Kollegin Sheba (Blanchett) empfindet. Als sie herausfindet, dass Sheba ein Verhältnis mit einem 13jährigen Schüler hat, behält sie das schmutzige Geheimnis für sich, stellt aber dafür eigene Forderungen... damit beginnt ein Alptraum für die junge Lehrerin.

Der Film gehört natürlich von Anfang bis Ende Judi Dench, und es ist eine wahre Wohltat mitanzusehen, wie diese großartige Schauspielerin ihre Rolle ganz und gar einnimmt. Sie schreckt weder vor seelischer noch körperlicher Nacktheit zurück und schert sich keine Sekunde darum, ob man sie als Zuschauer ablehnt oder Mitleid mit ihr hat. Cate Blanchett hat die etwas untergeordnete Rolle der Ehebrecherin, die in erster Linie schön und verzweifelt sein muss, doch auch sie meistert diesen Part mit Intelligenz und unerwarteten Wendungen. Man darf sich allerdings nie fragen, wie der Film mit vertauschten Geschlechterrollen funktionieren würde (also wenn ein mittdreißiger Lehrer ein Verhältnis mit einer 13jährigen Schülerin hätte), das möchte man dann doch nicht unbedingt als spannende Unterhaltung sehen... zumal die Szenen zwischen Blanchett und ihrem Schützling (herrlich rotzig und durchtrieben gespielt von Andrew Simpson) auch noch äußerst erotisch sind (interessant übrigens, dass er dabei der Aggressor ist und sie mehr oder weniger das Opfer, was ihr Fehlverhalten aber überhaupt nicht rechtfertigt).
Mehrfach wurde geäußert, dass Judi Dench hier im Grunde eine lesbische Frau spielt, die ihre Obsession auf Blanchett richtet, doch dem ist nicht so, es sei denn, man möchte das unbedingt herauslesen. Viel mehr geht es um ihre Einsamkeit und den Wunsch, jemanden zu haben, der ihr zuhört, der einem die Angst vor dem Älterwerden nimmt, und der intellektuell auf gleicher Ebene steht. Dass dieser jemand ausgerechnet eine Frau ist, spielt dabei eine untergeordenete Rolle.
"Tagebuch eines Skandals" lässt sich schwer in ein bestimmtes Genre einordnen - er ist Psychodrama, Thriller und schwarze Komödie in einem. Letztlich ist er einfach ein erstklassiger Schauspielerfilm. Es ist selten, dass heutzutage noch ein Film mit zwei so komplexen (und nicht 20jährigen) Frauenfiguren ins Kino kommt, die sich ein Darsteller-Duell erster Güte liefern dürfen, wie es seinerzeit etwa Bette Davis und Joan Crawford in "Was geschah wirklich mit Baby Jane" getan haben. "Tagebuch eines Skandals" macht definitiv Lust auf mehr davon! Einer der besten Filme des Jahres.

10/10

Die Lehrerin und ihr Schüler

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