Mittwoch, 17. Februar 2010

Storytelling (2001)

Nach seinen grandiosen Arthaus-Erfolgen "Willkommen im Tollhaus" und "Happiness" inszenierte Regisseur Todd Solondz 2001 diese Satire in zwei Akten über die Wahrnehmung von Fiktion und Wahrheit, die Vorort-Hölle Amerikas und Politcal Correctness. In der ersten Episode versucht Selma Blair als Literaturstudentin eine authentische Geschichte zu Papier zu bringen, macht dafür Schluss mit ihrem körperlich behinderten Liebhaber und steigt mit ihrem Professor ins Bett. Die zweite Episode, die den Hauptteil des Films ausmacht, erzählt von einem hilflosen Dokumentarfilmer (Paul Giamatti), der das Leben eines "typischen US-Teenagers" und dessen Familie in New Jersey dokumentiert.

STORYTELLING besitzt nicht ganz die deprimierende Brillanz von "Happiness", der dem Zuschauer das Ansehen fast unerträglich macht, bricht aber ebenso mit bitterbösem Humor mehrere Tabus. Die Provokation ist dabei nicht sein erstes Anliegen - tatsächlich thematisiert er sogar genau diesen Vorwurf (Selma Blair schildert in ihrer Kurzgeschichte, wie ihr Lehrer sie beim Sex gedemütigt hat, die Studenten aber halten ihre Geschichte für unglaubwürdig, frauenverachtend und gewollt provozierend). Todd Solondz zeigt Menschen und Charaktere, die wir in dieser Form im Kino nie zu sehen bekommen. Die lateinamerikanische Hausangestellte ist ein bemitleidenswertes Wrack (keine Spur vom lustigen "Spanglish"), ihr Sohn wurde soeben wegen Vergewaltigung in der Gaskammer hingerichtet, der altkluge Sohn der netten US-Familie aber will nur, dass sie endlich den verschütteten Traubensaft aufwischt - um dann hinterher Papa aufzufordern, sie wegen Faulheit zu feuern.
Menschliche Ausbeutung ist das vorrangige Thema von STORYTELLING. Der Dokumentarfilmer will die traurige Realität des Teenagers zeigen, sein Film sorgt aber für stürmische Lacher bei einer Vorführung und beutet das Unglück seines Protagonisten ungewollt aus, auch weil er als Regisseur vollkommen unbegabt ist (man beachte einen sehr gemeinen Seitenhieb auf "American Beauty"). Die Schauspieler agieren allesamt grandios. Wie schon in "Happiness" merken die meisten Charaktere nicht, wie erbärmlich ihr Leben ist und sind unfähig, sich der Realität zu stellen und darin zu leben. Der mittlerweile absurde Umgang mit Political Correctness wird von Solondz schonungslos auf den Punkt gebracht: die Literatur-Studenten trauen sich nicht, die lächerliche Kurzgeschichte des behinderten Kommilitonen zu kritisieren, die (jüdische) US-Familie diskutiert beim Abendbot den Holocaust auf geradezu haarsträubende Art und Weise ("Ohne Hitler würde es uns alle nicht geben!"). Solondz kommt zu dem Schluss, dass es zwischen Fiction und Non-Fiction keinen Unterschied gibt, weil die Authentizität allein noch keine Qualität besitzt und jede Art von Geschichte grundsätzlich anders aufgenommen und bewertet wird, je nachdem wer sie sich anhört/ansieht.

Dass STORYTELLING nicht für jeden Geschmack geeignet ist, versteht sich fast von selbst, aber er ist unglaublich reich an Subtexten und Themen, wahnsinnig bösartig und immer wieder brüllend komisch. Glücklich macht er nicht wirklich, aber klüger. Ich will mehr, mehr, mehr von solchen Filmen!

08/10

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