Mittwoch, 17. Februar 2010

Stadt als Beute (2005)

Berlin, Prater. René Pollesch probt "Stadt als Beute". Seine drei Schauspieler finden den Zugang zu den Texten auf ihren eigenen Wegen durch die Stadt. Marlon (Richard Kropf) sucht ein Kind, auf das er aufpassen sollte und gerät dabei in bizarre Situationen, Lizzy (die wundervolle Inga Busch) klaut einen Designermantel und landet auf der Bühne eines schmierigen Nachtclubs, der Laie Ohboy (David Scheller) kommt nicht rechtzeitig, lässt sich durch Berlin treiben, kann sich der Verantwortung seiner neuen Aufgabe aber schließlich stellen.

Die drei Regisseurinnen Miriam Dehne, Esther Gronenborn und Irene von Alberti haben diese episodisch erzählte Bearbeitung von "Stadt als Beute" mit viel Hingabe an Polleschs Text und die Berlin-Locations in Szene gesetzt. Herausgekommen ist ein Film, der weit weniger sperrig ist als man erwarten würde. Die Schauplätze Prenzlauer Berg (rund um den Prater), Mitte und Potsdamer Platz werden mit maximaler Authentizität eingebunden und vermitteln das glaubwürdigste Berlin-Gefühl, das ich seit langem in einem Film gesehen habe, vielleicht sogar jemals.
Es steckt viel David Lynch in STADT ALS BEUTE, besonders in der Lizzy-Episode mit einer eindeutigen "Twin Peaks"-Hommage, und auch ein bisschen Scorseses "After Hours". Er hat ebenso spannende wie komische Passagen, emotional berührende Momente, skurrile Einfälle und vor allem hervorragende Schauspieler. Großartig, wie Richard Kropf als unerfahrener Marlon zunächst bei der Probenarbeit "versagt", weil er sich dem Text auf gelernte Weise nähert, bis er schließlich durch seinen Berlin-Streifzug versteht, was von ihm erwartet wird. Ihm gehört auch der komischste Moment, wenn der mittlerweile sturztrunkene Marlon nach dem verschwundenen Kind sucht und auf einem Spielplatz wildfremde Kinder anlallt, prompt für einen Kinderschänder gehalten wird und eine Faust ins Gesicht bekommt. In einer Nebenrolle brilliert Julia Hummer als billige Table-Dancerin mit platinblonder Perücke ("Hi, Babe!"), die Schauspielerin Lizzy Tipps aus ihrer Porno-Arbeit zukommen lässt ("Vielleicht hast du die falsche Einstellung"). Die dritte Episode um Laiendarsteller Ohboy verbildlicht am deutlichsten Polleschs Kapitalismuskritik und die Illusion einer Stadt, die gar nicht da ist.

Daneben bekommt der Pollesch-Bewunderer einen kurzen Einblick in dessen Probenarbeit, wobei die Regisseurinnen hier auf gängige Filmklischees verzichten. So ist STADT ALS BEUTE Freunden der Theaterfilme zu empfehlen (wobei die Proben-Sequenzen nicht den Hauptteil des Films ausmachen), sowie allen, die auf lebendiges Arthaus-Kino jenseits vom Mainstream stehen. Ich selbst war sehr unsicher, da ich viel Negatives über den Film gehört hatte, doch er hat mich schon nach wenigen Minuten überzeugt und nicht mehr losgelassen. Danke schön! Mehr davon!

08/10

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