Mittwoch, 17. Februar 2010

So viele Jahre liebe ich dich (2008)

Es ist kaum zu glauben, dass es sich bei diesem sensiblen Drama um ein Regiedebüt handelt, aber so ist es. Regisseur Philippe Claudel schrieb und inszenierte 2008 seinen Erstling SO VIELE JAHRE LIEBE ICH DICH, mit einer grandiosen Kristin Scott Thomas in der Hauptrolle, für die der französische Arthaus-Film wie geschaffen scheint.

Worum geht es? Juliette (Scott Thomas) wird nach 15 Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen und zieht zu ihrer jüngeren Schwester (Elsa Zylberstein) und deren Familie. Behutsam versucht sie, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern und ein neues Leben zu beginnen, doch die Vergangenheit und ihre Introvertiertheit machen es ihr schwer...

SO VIELE JAHRE LIEBE ICH DICH ist ein äußerst stilles, feinnerviges und zurückhaltendes Charakterdrama, in dem die Schauspieler im Mittelpunkt stehen. Philippe Claudel verzichtet auf visuelle Raffinessen oder große Kino-Momente und vertraut ganz dem Gesicht und der Kunst von Kristin Scott Thomas, die hier in mehrfacher Hinsicht ganz ungeschminkt eine sensationelle Leistung zeigt. Zunächst noch extrem menschenscheu, wird sie immer wieder bei dem Versuch einer Kontaktaufnahme mit der Gesellschaft weggestoßen. Ihr Schwager verbietet ihr, auf die Kinder aufzupassen, ein potentieller Arbeitgeber will sie zwar trotz ihres Gefängnisaufenthaltes einstellen, wirft sie aber sofort hinaus, als er hört, warum sie inhaftiert war. In Claudels Film existiert kein Schwarzweiß - alle Menschen haben Gründe für ihr Verhalten Juliette gegenüber, alle haben nachvollziehbare Schwierigkeiten mit ihrer Vergangenheit. Als Juliette endlich einen Job gefunden hat, beschweren sich die Kollegen über ihre abweisende, kühle Art. Immer wieder wird ihr gesagt, man habe ja "Verständnis" für ihre Situation, aber sie solle sich doch ein bisschen offener und freundlicher zeigen - was beweist, dass niemand auch nur ansatzweise verstehen kann, was sie durchgemacht hat.

Juliettes Tat (sie hat ihren 6-jährigen Sohn getötet) wird sehr früh im Film ausgesprochen, aber bis zum Schluss bleiben die Hintergründe im Dunkeln, wodurch der Film eine zusätzliche Spannung erhält. Die Auflösung deutet sich bereits durch verschiedene Details an und bestätigt, was man vermutet. Die schlussendliche Enthüllung ist das einzige, was mich nicht ganz überzeugen konnte, weil der Film hier für meinen Geschmack etwas zu sehr ins Melodramatische abgleitet. Das schadet aber nicht dem positiven Gesamteindruck. Allein Kristin Scott Thomas' Reaktion, als sie nach 15 Jahren ihrer mittlerweile an Demenz erkrankten Mutter gegenübersteht, ist Schauspielkino vom Feinsten.

08/10

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