Freitag, 12. Februar 2010

Sliver (1993)

"Sliver" ist wohl objektiv kein guter Film, aber er gehört definitiv in die Kategorie "Guilty Pleasures", d.h. man kann ihn sich doch immer wieder ansehen, und wenn man seine (großen) Schwächen akzeptiert, unterhält er ausgezeichnet.

Zur Story: Die geschiedene Lektorin Carly zieht in ein Apartment-Haus, in dem sich überall versteckte Kameras befinden, die jeden Schritt der Bewohner überwachen. Als die ersten Leichen auftauchen, stellt sich die Frage, ob der geheimnisvolle Voyeur auch ein Mörder ist - und ob der junge Zeke (Baldwin), in den sich Carly verliebt hat, der Gesuchte ist...

Was dem Film fehlt, ist eindeutig die Thriller-Spannung. Die Frage nach dem Täter rückt sehr in den Hintergrund, Regisseur Noyce interessiert sich mehr für die Darstellung von modernem Voyeurismus auf jeder Ebene. Immer wieder rücken Kameras, Monitore und Aufnahmegeräte ins Bild, eine der ersten Begegnungen von Stone und Baldwin spielt sich vor dem Schaufenster eines Fernsehladens ab. Ein Unbekannter schenkt Stone zum Einzug ein Teleskop - als sie hindurchsieht, bemerkt sie jemanden, der aus der Entfernung wiederum sie mit einem Teleskop beobachtet, etc.

Das sind zwar alles schöne Einfälle, aber der Thriller kommt praktisch nie in Fahrt und tritt immer auf der Stelle. Die Auflösung ist dann auch noch die größte Enttäuschung - nach Testvorführungen wurde das Ende geändert (ursprünglich sollte Baldwin - wie in der Romanvorlage - der Täter sein und von Stone erschossen werden, aber damit war das Testpublikum überhaupt nicht einverstanden, was ein Jammer ist), die neue Version ist vollkommen misslungen, wirkt schlampig und lässt den Zuschauer sehr frustriert zurück. Die Figuren sind dazu schlecht ausgearbeitet, und hervorragende Nebendarsteller wie Tom Berenger und Polly Walker haben praktisch nichts zu spielen (besonders Berenger fühlt sich sichtlich unwohl, dabei zu sein). Auch das Erzähltempo geht gelegentlich gegen Null.

Zwei Zutaten helfen dem Film allerdings - Sharon Stone und der wirklich fabelhafte Soundtrack. "Sliver" war Stones zweiter Mega-Erfolg nach "Basic Instinct", der ebenfalls von Joe Eszterhas geschrieben wurde und den Vorgänger an Thrill und Erotik noch übertreffen sollte. Hier spielt Stone allerdings eine vollkommen andere Rolle. War sie in "Basic Instinct" noch die mordende Manipulatorin und dominierte den gesamten Film, ist sie hier ein (beinahe) wehrloses Opfer der Manipulationen anderer. Regisseur Phillip Noyce ("Todesstille") inszeniert Stone als klassische Hitchcock-Blondine - äußerlich cool und elegant, mit heißer Leidenschaft unter der Oberfläche. Das funktioniert bei vielen Darstellerinnen nicht, aber bei Stone geht das Konzept voll auf, sie war tatsächlich selten mehr sexy und verführerisch als in "Sliver". Dazu kommt, dass die Chemie mit ihrem Co-Star William Baldwin absolut stimmt - und das, obwohl die beiden sich eigenen Aussagen zu Folge nicht ausstehen konnten! Auf der Leinwand ist davon nichts zu sehen. Der Soundtrack ist eine Mischung aus Howard Shores düsterem Score und sehr gut ausgewähltem Pop (besonders gelungen ist Enigmas Hauptthema für Sharon Stone, das sich durch den Film zieht). Dazu kommt noch die exzellente und sehr elegante Kameraarbeit von Altmeister Vilmos Zsigmond.

Fazit: "Sliver" macht großen Spaß, wenn man keinen spannenden Thriller erwartet. Er ist sexy, stylish, hat zwei attraktive Stars in den Hauptrollen, die unentwegt erotische Machtspielchen spielen, einen klasse Soundtrack und ein völlig verkorkstes Ende. Ich kann ihn trotzdem immer wieder sehen. Es gibt Filme, die das hinkriegen, und das muss man auch nicht weiter befragen.

09/10

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