Sonntag, 14. Februar 2010

Sehnsucht (1954)

Nach seinen frühen Meisterwerken des Neo-Realismus wie "Bellissima" schuf Luchino Visconti 1954 mit SENSO - SEHNSUCHT sein erstes opulentes Kostümdrama, eine große italienische Oper, die passend in der Oper beginnt und vom Untergang erzählt - dem Untergang einer Epoche, einer Revolution, einer großen Liebe und einer starken Frau, die durch eben jene unerwiderte Liebe zerstört wird.

Es ist 1866, wir befinden uns im von Österreich besetzten Venedig. Die verheiratete Gräfin Livia (Alida Valli) verrät all ihre politischen Ideale, als sie sich unsterblich in den österreichischen Offizier Franz Mahler (Farley Granger) verliebt, der sie ausnutzt und betrügt. Während im Land der Befreiungskrieg wütet, wird aus der stolzen Schönheit eine verzweifelte, gebrochene Frau, die sich nicht mehr zu helfen weiß...

So opulent und elegant mit aller Farbenpracht SEHNSUCHT auch inszeniert ist, trotz Schlachtgetümmel und Menschenmassen sind es doch die Szenen zwischen Valli und Granger, die wirklich packen und nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Alida Valli besitzt eine umwerfende Leinwandpräsenz (sie bleibt für immer unvergessen als Anna in "Der dritte Mann") und glänzt als kraftvolle, lebendige Schönheit, die sich durch die Ereignisse immer mehr in eine Gehetzte, innerlich Zerrissene verwandelt, die alle Überzeugungen aufgibt und nichts dafür erhält.

Farley Granger ist perfekt besetzt als eitler, grausamer und dummer Offizier, der keine Ideale kennt. Er kann an keiner Glasscherbe vorbeigehen, ohne hineinzusehen, um sich zu vergewissern, dass "er noch er selbst ist". So geht es auch um Identitäten, die von Menschen und die einer Nation. Visconti untermalt das Geschehen mit Anton Bruckners 7. Symphonie ähnlich brillant, wie er später Gustav Mahlers Fünfte in "Tod in Venedig" eingesetzt hat.

Viscontis Drama wurde seinerzeit auf Druck der Regierung gekürzt, seine Anspielungen auf den Zusammenbruch der Revolution eliminiert (Italien hatte sich gerade von Mussolini befreit und wollte keinen Film aus dem eigenen Land, der die Befreiungskriege als Fehlschlag kritisierte, selbst wenn sie nur als Allegorie zu verstehen waren), Gerüchten zufolge wurden Jury-Mitglieder der Filmfestspiele von Venedig sogar bestochen, Visconti den Goldenen Löwen zu verweigern. Die Kürzungen haben zur Folge, dass das Ende des Films merkwürdig unbefriedigend bleibt.

An SEHNSUCHT haben viele große Namen mitgewirkt. Opern-Spezialist Franco Zeffirelli wird als Regie-Assistent genannt und hat wahrscheinlich maßgeblichen Anteil an der "Troubadour"-Inszenierung, mit welcher SEHNSUCHT beginnt, für die englischen Dialoge zeichnen Tennessee Williams und Paul Bowles verantwortlich. Ich persönlich mag Viscontis realistische Arbeiterdramen wie den großartigen "Rocco und seine Brüder" lieber als seine Kostüm-Epen, aber wer Viscontis "Der Leopard" mag, der wird auch an SEHNSUCHT seine Freude haben.

07/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...