Mittwoch, 17. Februar 2010

Secretary (2002)

Die introvertierte Lee Holloway (Maggie Gyllenhaal) kommt aus einer Heilanstalt und fügt sich gern kleine Verletzungen zu. Sie bekommt eine Stellung als Sekretärin im Büro des Anwalts Mr. Grey (James Spader), der sie alles andere als nett behandelt. Doch das scheint Lee zu gefallen. Bald schon muss sie nicht nur Kaffee kochen, sondern in Müllcontainern herumwühlen, auf allen Vieren über den Flur kriechen und mit gefesselten Händen die Ablage bearbeiten. Lee ist verliebt. Doch kann diese Liebe eine Zukunft haben?

Die kleine, bescheidene Independent-Produktion SECRETARY aus dem Jahr 2002 gehört mit Sicherheit zu den ungewöhnlichsten, wunderbarsten Liebesgeschichten, die jemals fürs Kino gemacht wurden. Sie funktioniert sowohl als skurrile Komödie (die sich niemals über ihre Figuren lustig macht) und als bewegendes Drama.
Maggie Gyllenhaal spielt ihre komplexe Rolle mit geradezu anbetungswürdigem Liebreiz, sie ist eine Offenbarung. Der immer brillante James Spader, der nie vor gewagten Rollen zurückschreckt (Crash), steht ihr in nichts nach. Ihre Chemie ist unglaublich, und Regisseur Steven Shainberg bietet beiden genug Raum zur vollen Entfaltung, weil sein Film handlungsarm bleibt, dafür aber tief in die Seelen seiner Charaktere blicken lässt.

Zwar wird in SECRETARY eine sado-masochistische Liebe geschildert, die in Lees Fall durch eine gestörte Vater/Tochter-Beziehung begründet ist, doch ist der Film nie billig plakativ oder vordergründig "erotisch", was einige Zuschauer sicher enttäuschen dürfte, die einen kinky Sexfilm à la "9 1/2 Wochen" erwarten. Es gibt allerdings einige Sequenzen, die nicht gerade in einer x-beliebigen Hollywood-Komödie zu sehen sind, etwa wenn Spader seiner Sekretärin Gyllenhaal den Po versohlt, während sie gebückt vor ihm auf dem Tisch lehnt und einen Geschäftsbrief vorliest.

SECRETARY ist zugleich ein wunderbares Plädoyer für die Vielschichtigkeit von Liebe. Für den Mut, seine innersten Bedürfnisse zu erkennen und zu akzeptieren, und für das Glück, den einen Menschen gefunden zu haben, mit dem man diese teilen kann. James Spader bzw. der von ihm gespielte Mr. Grey fühlt sich in seiner Sadisten-Rolle anfangs nicht wohl, muss selbst erst begreifen, dass ihm diese Rolle mehr gefällt als ihm lieb ist. Lee hingegen kennt ihre Wünsche sehr genau und muss lernen, sie zu äußern. Aus dieser Annäherung entsteht die unglaubliche Spannung des Films, der immer wieder überrascht. Wenn Lee im Hochzeitskleid durch die Stadt läuft, um Spader ihre Liebe zu gestehen, benutzt Shainberg bewusst das Klischee der konventionellen Romantic Comedy, nur um es dann gleich vollkommen auf den Kopf zu stellen. SECRETARY verkauft keine Lügen über eine Liebe, die am Ende alles besser macht und jeden rettet. Er erzählt von Menschen, die gemeinsam ihren Platz finden müssen, ganz egal, was irgendjemand oder die Gesellschaft dazu sagt. Was kann es Schöneres geben?

SECRETARY ist wegen seines offensiven Umgangs mit einem nicht alltäglichen Thema vielleicht nicht für jedermann geeignet, für mich gehört er zu den besten Liebesgeschichten des Kinos. Das sind Filme, von denen ich mehr sehen will. Leider gibt es viel zu wenige davon - aus bekannten Gründen.

09/10

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