Mittwoch, 17. Februar 2010

Schlechte Erziehung (2004)

Mit SCHLECHTE ERZIEHUNG hat der Spanier Pedro Almodóvar 2004 eine Brücke zu seinen früheren Werken geschlagen, er verbindet eine tief emotionale, persönliche Geschichte um Trauer, Schuld und Verlangen mit den Mitteln des grellen Thrillers und schrillen Melodrams.

Der Film beschreibt die Wiederbegegnung zweier Freunde, der eine heute Regisseur (Fele Martinez, mit deutlichen Charakterzügen von Almodóvar selbst), der andere ein Schauspieler (Gael Garcia Bernal), der ein Manuskript über die gemeinsame Kindheit im Jugendinternat geschrieben hat. Der Regisseur verfilmt das Buch mit seinem Freund in der Hauptrolle, und schon bald offenbaren sich düstere Geheimnisse und Ereignisse, die bereits vergessen waren...

Mehr sollte hier nicht gesagt werden. Die Handlung lebt von ihren überraschenden Wendungen und der raffinierten Erzählweise. Der Film spielt gleichzeitig auf drei Zeitebenen - in der Kindheit, der Gegenwart und innerhalb der fiktiven Geschichte (als Film im Film). Als Zuschauer hat man aber nie Mühe, diese verschiedenen Bruchstücke der Geschichte zu verfolgen und zu verstehen, Almodóvar beherrscht die Erzählkunst meisterhaft. Und selbst wenn wir die Charaktere nicht unbedingt sympathisch finden oder uns mit ihnen identifizieren können (dazu sind ihre Schicksale auch zu eigen), so bleibt der Film dennoch von Anfang bis Ende spannend, fesselnd und emotional bewegend. Wie üblich lässt er sich in kein Genre einordnen. Er ist gleichzeitig Drama, Liebesgeschichte, Melodram und Thriller, erzählt von Kindesmissbrauch durch Priester, Erpressung, Geschlechtsumwandlung und Mord. Was Almodóvars Vorliebe für Provokation angeht, gibt es hier mehr Szenen von Sex und (psychischer wie physischer) Gewalt als in seinen vorigen, "gemäßigten" Werken. Wer also zu den Anhängern der frühen Almodòvar-Werke gehört, wird SCHLECHTE ERZIEHUNG auch deshalb lieben, weil er zu den Wurzeln des Filmemachers zurückkehrt.

Gael Garcia Bernal meistert seine extrem schwierige Aufgabe, praktisch mehrere Rollen gleichzeitig zu spielen (die größte davon in Frauenkleidern) bewundernswert, er ist ebenso zielstrebig wie undurchsichtig, gleichzeitig unschuldig und verkommen, und hinreißend schön. Dazu begeistert die Filmmusik von Alberto Iglesias, eine Hommage an Hitchcock-Komponist Bernard Herrmann, deshalb so passend, weil es hier um mehrere gespaltene Persönlichkeiten geht und diese Männer-Geschichte deutliche Anleihen in Hitchcocks Werk nimmt.

09/10

1 Kommentar:

  1. Hallo Mathias,

    warum nur müssen schwule Regisseure sich häufig besonders intensiv mit dem Thema Frauen beschäftigen. Beispiel : der australier Buz Luhrman, der mit MOULIN ROUGE einen höchstgepriesenen aber in meinen Augen saumässig langweiligen Streifen abgeliefert hat, von den ca. 15 Minuten Showtime am Anfang einmal abgesehen. Ein noch besseres Beispiel gibt Almodovar ab, in dessen Filmen mangels Action die Darstellerinnen 'stundenlange' Dialoge untereinander führen.
    Gähn !!!

    Mit SCHLECHTE ERZIEHUNG habe ich vor Jahren mal zufällig ein echtes Juwel des Spaniers abgegriffen. Nach dem ersten Betrachten war ich wie betäubt und erst nach dem dritten Mal habe ich damit begonnen, dem Film Worte und Wertung zuteil werden zu lassen. Bei IMDB 10/10, bei AMAZON 5/5, also liegen wir bei diesem Film mal wieder Daumen auf Daumen. Über Almodovars Gesamtwerk, dass weiss ich, denkst Du sicher anders.

    Der Schauspieler Bernal war dabei für mich eine echte Entdeckung, der neben den anderen guten Darstellern ein echtes Highlight des Films ausmacht. Als Frau spielt er frech, provokant und verführerisch, als Mann ist er sensibel, schüchtern und verletzlich.

    Übrigens wurde dieser Film erst kürzlich in einer Tageszeitung als Beispiel für eine Verfilmung der jüngst aufgekommenen Missbrauchsskandale bezeichnet. Wie ich meine kein Vergleich ! Im Film geht der Padre fast romantisch mit seinem Liebling um, während sich die Realität in den heutigen Medien ganz anders darstellt.

    Sei's drum, Fazit : ein Klasse-Film, der aber sicher nicht jedermanns Geschmack trifft.

    Gruss

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