Mittwoch, 17. Februar 2010

Ricky (2009)

Das skurrile Sozialdrama RICKY des französischen Regisseurs Francois Ozon spaltete 2009 die Kritiker und fand beim Publikum keinen rechten Anklang. Auch ich bin nach Ansehen des merkwürdigen Films etwas ratlos und weiß nicht recht, was ich von ihm halten soll.

RICKY erzählt von der Fabrikarbeiterin Katie (Alexandra Lamy mit einer hervorragenden Darstellung), alleinerziehende Mutter einer siebenjährigen Tochter, die sich in den Kollegen Paco (Sergi Lopez) verliebt, bald darauf schwanger wird und ein Kind zur Welt bringt - Ricky. Doch die kleine Familie steht unter Dauerspannung. Paco trinkt, Mama Katie kommt mit der Verantwortung nicht zurecht und macht ihm Vorwürfe, dann entdeckt Katie Blutergüsse auf Rickys Rücken und beschuldigt Paco, den Jungen misshandelt zu haben. Paco verlässt die Familie - und plötzlich wachsen dem Baby Flügel! Bald schon macht Ricky die ersten Flugversuche...

Ozon, der in seiner Karriere vollkommen unterschiedliche Filme gemacht hat, gelingt beeindruckend die Verbindung aus ultra-realistischem Sozialdrama mit haufenweise alltäglicher Szenen und Konflikte, wie man sie aus jeder Doku-Sop kennt, und einem Fantasy-Märchen, das man in diesem unpassenden Ambiente kaum erwartet. Das Baby Ricky ist so zauberhaft, dass es jedes Herz zum Schmelzen bringt, und seine Freude über die (animierten) Flügel ist durchaus ansteckend. Der Film als Gesamtwerk bleibt hingegen schwer zu entschlüsseln und soll vermutlich als Metapher funktionieren, nicht umsonst sitzt Katie in der ersten Filmszene beim Jugendamt und überlegt, ob sie ihren Sohn zur Adoption freigeben bzw. in eine Pflegefamilie übergeben soll. Es geht um das Loslassen (das Baby wird bei seinen Flugversuchen an der Leine geführt) und um Kinder, die eine Verantwortung übernehmen, welche ihrem Alter nicht angemessen ist - die Tochter Lisa kümmert sich sowohl um Mama als auch um Ricky, und Ozons Kamera konzentriert sich immer wieder auf ihr Gesicht, suggeriert, dass es sich um ihre Geschichte handelt, die hier erzählt wird. Damit greift Ozon Probleme einer Sozialschicht auf, um die sich das Kino gemeinhin wenig kümmert.

Die Darsteller spielen durch die Bank glaubwürdig (besonders die Kinderdarstellerin Mélusine Mayance), auch die Musik von Philippe Rombi ist wie immer wundervoll, aber es gibt auch Schwächen. Besonders im ersten Drittel treten immer wieder Längen auf, Ozons Alltäglichkeit droht oft in Banalität abzugleiten. Im Mittelteil tritt der Film einige Male auf der Stelle - so enden alle Flugversuche von Ricky stets mit einem Unglück, und das Medieninteresse an dem fliegenden Baby wird von Ozon sehr konventionell und lustlos geschildert. Das letzte Drittel gelingt Ozon am besten, auch weil hier seine eigentlichen Themen Verlust und Tragik besser zur Geltung kommen. Das Ende ist emotional extrem berührend.

RICKY wird bei vielen Zuschauern Kopfschütteln und Fragezeichen hinterlassen, und ich bin mir nicht sicher, ob die Idee nicht einen wunderbaren Kurzfilm abgegeben hätte. Für einen Spielfilm scheint sie merkwürdig dünn, aber als Vertreter des ungewöhnlichen Kinos abseits vom Mainstream ist RICKY auf jeden Fall sehenswert. Ein sehr skurriles, absurdes Abenteuer einer ganz normalen Familie. Ich bin sehr gespannt auf weitere Meinungen.

06/10

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