Mittwoch, 17. Februar 2010

Requiem (2005)

Ich kann mich der allgemeinen Begeisterung über REQUIEM leider nicht anschließen. Tatsächlich ist für mich die Leistung Sandra Hüllers in der Hauptrolle das einzig Großartige an dem Film und sicher unbestritten. Nach dem grauenhaften DER EXORZISMUS DER EMILY ROSE, dem die gleiche Geschichte zugrunde lag, geht Regisseur Hans-Christian Schmid bei der Erzählung einen vollkommen anderen Weg.
REQUIEM ist leiser, intimer und so sehr Anti-Hollywood, wie es nur geht - nur, ein besserer Film ist ihm dennoch nicht gelungen. Es stellt sich nach Ansehen von REQUIEM die Frage, was will der Film? Weder will er die wahre Geschichte erzählen, dazu gibt es gleich vor dem Vorspann einen Text, der sich davon distanziert. Auf der anderen Seite ist dann der dokumentarische Charakter des Films eigentlich unnötig, denn zu dokumentieren gibt es ja demnach gar nichts.
REQUIEM ist eine rein fiktive Geschichte mit Anleihen in der Realität. Zudem stehen sich der realistische Doku-Charakter und die mit Bedeutung aufgeladenen, theaterhaften Dialoge immer im Weg. Die Charaktere sind allesamt überdeutlich gezeichnet und größtenteils Klischees - Michaelas Mutter wird von Imogen Kogge zwar hervorragend gespielt, aber ihre Rolle ist so eindimensional und vorhersehbar "böse", dass man nach 10 Minuten Bescheid weiß, wie sie sich den Rest des Films über verhalten wird. Natürlich bis zu dem Punkt, an dem die arme Michaela volkommen gebrechlich ist, dann endlich kann Mutter ihr die Suppe reichen und auch etwas wie Liebe zeigen. Michaelas Vater ist stets hin- und hergerissen zwischen den Parteien Mutter und Tochter, auch er tut nichts, was man nicht erwarten würde. Michaelas Liebesaffäre wird nie glaubwürdig entwickelt, Michaelas Freundschaft zur Kommilitonin wird darüber begründet, dass sie die Sitznachbarin bei der Klausur abschreiben lässt. Praktisch alle Beziehungen werden nur behauptet und dahingestellt. Die Darstellung des - sagen wir es ruhig - "irren" Katholiken, der in Michaela ein vom Teufel besessenes Mädel sehen will, ist zwar treffend, aber wen das heute noch schockiert, der ist definitiv zu behütet aufgewachsen.

REQUIEM bricht in dem Moment ab, in dem der "Exorzismus" beginnt, was schwer nachzuvollziehen ist - nicht weil man zu diesem Zeitpunkt noch Horror-Effekte erwarten würde, sondern weil die Geschichte erst danach zeigen könnte, zu was irregeleitete Menschen unter falschem Einfluss fähig sind, und was die Tragik an Michaelas Geschichte eigentlich ausmacht.
REQUIEM bezieht leider keine Stellung (Schmid weicht damit bewusst der Konfrontation mit der Kirche aus, was den Film aber in meinen Augen deutlich aufgewertet hätte), er öffnet keine Horizonte, präsentiert keine spezielle Sichtweise, keine Subtexte. Man ist lediglich - traurig, dass die arme Michaela so leiden musste. Ja, die Welt ist schlecht. Das ist alles. Reicht das als Filmerlebnis aus? Das muss jeder für sich selbst beantworten.

04/10

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