Mittwoch, 17. Februar 2010

Reise nach Indien (1984)

"Reise nach Indien" war der letzte Film des großen David Lean, der dem Kino unvergessene Filmwerke schenkte wie z.B. "Lawrence von Arabien" und "Die brücke am Kwai", und an ihm scheiden sich noch immer die Geister. Viele halten ihn für ein Meisterwerk, andere für Leans schwächsten Film. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich wie so oft in der Mitte.

"Reise nach indien" erzählt von zwei Frauen, die ins Indien der Kolonialzeit reisen und dort mit einer völlig anderen Welt konfrontiert werden. Beim Besuch mysteriöser Berghöhlen geschehen plötzlich seltsame Dinge, die den Lebensweg aller Beteiligten drastisch verändern...

Das Positive zuerst. "Reise nach Indien" ist visuell - was zu erwarten war - ein Genuss. Regisseur Lean schafft insbesondere in der ersten Hälfte unvergessliche Bilder und Sequenzen (in der besten Szene wird Judy Davis von einer Horde Affen bedroht). Besonders in seinen stummen Momenten ist der Film äußerst effektiv. Maurice Jarres Filmmusik hält sich erstaunlicherweise sehr zurück, was dem Film ebenfalls zugute kommt. Das Drehbuch - Leans eigene Bearbeitung des Romans von E.M. Forster - versucht auf sehr intelligente und anspruchsvolle Weise, das Aufeinanderprallen indischer und britischer Kultur zu schildern, und die Unfähigkeit der beiden, zu koexistieren. Hier weicht übrigens der Film stark vom Buch ab. Schilderte Forster diesen Konflikt anhand der beiden männlichen Hauptfiguren Dr. Aziz (Victor Banerjee) und Fielding (James Fox), verlagert Lean die Erzählung auf das Verhältnis Aziz und Miss Quested (Judy Davis), die in Indien eine Art sexuelles Erwachen erlebt, was sie selbst und in der Folge das gesamte Land in Aufruhr versetzt.
Die britischen Darsteller - allen voran die großartige Judy Davis in einer ihrer ersten und besten Filmrollen - agieren brillant (Peggy Ashcroft erhielt als Davis' zukünftige Schwiegermutter einen Oscar und so ziemlich alle Filmpreise, die in diesem Jahr vergeben wurden). Die indischen Darsteller lassen allerdings teilweise zu Wünschen übrig, und David Lean neigt dazu, sie als Clowns zu inszenieren. Über Alec Guiness als indischer Bahran kann man ebenfalls geteilter Meinung sein - für mich hat er überhaupt nicht funktioniert, ich habe mich unentwegt gefragt, warum man keinen indischen Darsteller verpflichtet hat statt so einer albernen Verkleidungsnummer. Ebenfalls negativ fällt auf, dass David Leans Hang zur epischen Breite dem Film diesmal im Weg steht, denn weder ist die Geschichte von ihrer Natur her episch angelegt (sondern vielmehr intim und persönlich), noch nützen die vielen Massenszenen der Handlung. Mit einer Länge von 160 Minuten ist der Film deutlich zu lang und hängt im letzten Drittel mehrfach durch. Kritiker haben dem Film ebenfalls ein fehlendes Realitäts-Bewusstsein vorgeworfen, weil ihm die Nöte einer verklemmten jungen Engländerin wichtiger sind als die vielen Menschen, die an Hunger und mangelnder medizinischer Versorgung sterben. Dem Vorwurf schließe ich mich nicht an, aber er soll nicht unerwähnt bleiben.
"Reise nach Indien" ist erfreulicherweise kein Sonnenuntergangs-Schmalz á la "Jenseits von Afrika" (den ich trotzdem sehr liebe) - es gibt tatsächlich keine Liebesgeschichte im gesamten Film - sondern ein psychologisches und politisches Drama mit einem Hauch von Mystery. Er ist beinahe vergleichbar mit Peter Weirs "Picknick am Valentinstag", denn auch "Reise nach Indien" ist schwer zu entschlüsseln und beantwortet die brennendste aller inhaltlichen Fragen (Was ist wirklich in der Höhle passiert?) nicht.
Fazit: "Reise nach Indien" hat definitiv Schwächen und ist sicher nicht Leans bester Film, aber der Film kann aufgrund seiner Intelligenz, Darsteller und überragenden Szenerie überzeugen. Man sollte nur keinen "Lawrence von Arabien" erwarten, dann dürfte man enttäuscht werden.

07/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...