Montag, 15. Februar 2010

Peeping Tom - Augen der Angst (1960)

Als PEEPING TOM 1960 in die Kinos kam, verursachte er einen Aufschrei von Kritikern und Publikum, wurde umgehend aus den Kinos entfernt und ruinierte für Jahre die Karrieren von Regisseur Michael Powell und Hauptdarsteller Karlheinz Böhm.

Wenn man PEEPING TOM heute sieht und im Kopf behält, was das damalige Publikum gewöhnt war, fällt es nicht schwer, diese Reaktion nachzuvollziehen, auch wenn sie zum Verschwinden eines Klassikers geführt hat, der erst in den 80ern von Martin Scorsese wieder entdeckt und zur Aufführung gebracht wurde. Heute gilt PEEPING TOM als Sternstunde des britischen Films - er ist ebenso cineastisches Kunstwerk wie verstörender Thriller.

Zum Inhalt: der schüchterne Mark Lewis (Böhm) arbeitet als Kamera-Assistent beim Film. Mit seinem Kamera-Stativ ermordet er Frauen, während er ihre Todesangst filmt. Die junge Helen (Anna Massey), die im selben Haus lebt, freundet sich mit Mark an, ohne sein schreckliches Geheimnis zu kennen...

PEEPING TOM wird häufig mit Hitchcock's PSYCHO (1960) verglichen. Beide sind fast zur selben Zeit entstanden und erzählen von Serienmördern, die das Publikum durch geschickte Manipulation als Identifikationsfiguren akzeptieren muss. Doch während Hitchcock sein Publikum den Schrecken lustvoll und augenzwinkernd genießen lässt, ist Powells Film das düstere Psychogramm einer zerstörten Seele.

PEEPING TOM verweigert sich der klassischen Dramaturgie, einen Helden zu erzählen, der den Mörder jagt. Stattdessen ist der Mörder selbst Zentrum des Films, von Beginn an. Damit nimmt er viel später entstandene Serienkiller-Filme wie HENRY (1986) vorweg. Dass ausgerechnet Filmliebling Karlheinz Böhm diesen Killer spielt (und das macht er großartig intensiv), war ebenso ein Schock wie Michael Powells ungeschminkte Darstellung einer heuchlerischen Gesellschaft, in der nette ältere Herren im Zeitungsladen Pornobildchen unterm Ladentisch kaufen.

War bei Hitchcocks Norman Bates eine gestörte Mutter/Sohn-Beziehung Grundlage für die mörderischen Tätigkeiten, ist hier eine noch mehr gestörte Vater/Sohn-Beziehung die Ursache. Marks Vater hat seinen Sohn für Studien zur Angst missbraucht. Gespielt wird der dämonische Vater von Regisseur Michael Powell persönlich, wir sehen ihn in Quasi-Dokumentaraufnahmen im Film. Die letzte Dialogzeile des Films ist Marks Kinderstimme aus dem Off: "Gute Nacht, Vater. Halt' meine Hand..."

Zusammen mit der brillanten Filmmusik von Brian Easdale, der lediglich ein Klavier zur Untermalung benutzt (was sehr oft einen Stummfilm-Effekt erzielt) und den genialen Bildern von Kameramann Otto Heller schafft Powell eine Atmosphäre der konstanten Beunruhigung. In Marks Vorführraum wirkt Anna Massey wie in Blut getaucht. Die Einführungs-Sequenz (den ersten Mord) sehen wir aus Marks Sicht, durch das Objektiv seiner Kamera, danach betrachtet Mark seine Tat als Film im Vorführraum - Jahre bevor das Wort "Snuff" überhaupt erfunden wurde.

Karlheinz Böhm sagte später selbst, er habe nur zwei wichtige Filme in seinem Leben gemacht - der eine ist Fassbinders MARTHA (Fassbinder entdeckte Böhm in den 70ern neu), der andere ist PEEPING TOM.

10/10

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