Samstag, 13. Februar 2010

Ossessione - Besessenheit (1942)

Mit OSSESSIONE verfilmte Luchino Visconti 1942 den amerikanischen Roman-Klassiker "The Postman Always Rings Twice" von James M. Cain, der seither mehrfach fürs Kino bearbeitet wurde. Er verlegte die Handlung um einen Landstreicher, der in einem verarmten Café an einsamer Landstraße Arbeit sucht, sich in die Frau seines Arbeitgebers verliebt und mit ihr den Mord am Gatten plant und durchführt, ins realistische Italien der Gegenwart.

Herausgekommen ist ein intensives, packendes Drama um menschliche Abgründe, verhängnisvolle Leidenschaft und die zerstörerische Macht von Schuldgefühlen, sowie das Porträt eines Italiens, das so zuvor nicht im Kino zu sehen war. Visconti, der zuvor öffentlich die verstaubten Traditionen der italienischen Filmlandschaft mit ihren Historien-Dramen und belanglosen Komödien heftig kritisierte (ähnlich ging es den Begründern der französischen Nouvelle Vague Jahre später), brachte für OSSESSIONE die Arbeiterklasse in ungeschminkter Authentizität auf die Leinwand. Menschen, die um ihr tägliches Überleben kämpfen, die aus der Armut heraus zu allem bereit sind, wenn sich ihnen eine Chance bietet, und sei es die Chance auf schnelles Geld mittels Mord. Menschen die an nichts mehr glauben, weil ihnen alles genommen wurde, und für die Politik, Religion und Ethik Luxusgüter sind, die sie sich nicht leisten können, weil sie ganz andere Probleme haben.

Die weite Landschaft, in der sich das Drama abspielt, ist trocken und ausgedörrt, aber die Begierden wüten im Innern. Selten hat das Kino eine so sexuell aufgeladene Beziehung zweier Hauptcharaktere gesehen wie die von Clara Calamai und Massimo Girotti, deren Körper eine geradezu magische Anziehung aufeinander ausüben. Viscontis Kamera ist gnadenlos und voyeuristisch, verbindet Sex und Gewalt in ausgeklügelter Bildsprache. OSSESSIONE funktioniert auf mehreren Ebenen, als Liebes-und Eifersuchtsdrama, als Thriller, Gesellschaftsstudie, Moralstück und Zeitdokument.

Natürlich war OSSESSIONE ein Skandal und wurde kurz nach dem Start verboten. Heute gilt er als Schlüsselwerk des Neorealismus' - man mag kaum glauben, dass dieser reife, reiche Film Viscontis erster Spielfilm war. Die spätere Hollywood-Version des Stoffes "Im Netz der Leidenschaften" (1946) mit Lana Turner und John Garfield wirkt gegen OSSESSIONE wie eine harmlose Gutenachtgeschichte, der folgende "Wenn der Postmann zweimal klingelt" (1981) mit Jack Nicholson und Jessica Lange kann zwar mit erneut heftigen erotischen Einlagen protzen, bietet ansonsten aber wenig. OSSESSIONE hat die Zeit hervorragend überdauert.

10/10

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