Mittwoch, 17. Februar 2010

Nora (1973)

Die Nora aus Henrik Ibsens gleichnamigem Bühnenstück von 1879 gehört zu den Rollen, um die sich Schauspielerinnen seit jeher reißen, weil die Figur der Nora eine ganze Palette an Emotionen zu bewältigen hat und im Lauf des Stücks eine 180 Grad-Drehung durchlebt.
1973 verfilmte der britische Arthaus-Spezialist Joseph Losey ("Der Diener") das berühmte Drama und konnte dafür eine exzellente Besetzung engagieren, allen voran Jane Fonda in der Paraderolle.

Kurz zum Inhalt: Im winterlichen Norwegen angesiedelt, lebt die hübsche Nora (Fonda) mit ihrem Mann Torvald (David Warner) in ihrem behüteten, gutbürgerlichen Zuhause (dem "Puppenheim", so der Originaltitel). Als Torvald zum Bankdirektor befördert wird, entdeckt ein kleiner Bank-Angestellter (Edward Fox), dass Nora vor Jahren die Unterschrift ihres mittlerweile verstorbenen Vaters gefälscht hat, um ein Darlehen zu erhalten. Das Geld brauchte sie, um ihrem schwerkranken Ehemann eine Kurz zu bezahlen. Nun wird sie erpresst, und als Torvald davon erfährt, zeigt er für die Tat, die Nora aus Liebe begangen hat, kein Verständnis. Doch Nora hat sich bereits verändert...

Loseys Film gehört ganz und gar Jane Fonda. Sie zeigt Noras Wandlung von der kapriziösen, immer brav lächelnden Kindfrau, die für alle (Vater, Ehemann und Freundin) die glückliche, unbeschwerte Nora zu sein hat, zur selbstbestimmten, erwachsenen Nora, die eine für die Zeit skandalöse Entscheidung trifft, mit allen Nuancen und Facetten. Ob man sie als verspielte Naive im ersten Teil ernst nimmt, hängt allerdings sehr davon ab, inwieweit man die private Person Fonda von der Rolle trennen kann. Als politische Aktivistin ist ihr die veränderte Nora natürlich wie auf den Leib geschrieben. 1973 befand sich Fonda auf dem Höhepunkt der "Hanoi Jane"-Kampagnen, sie war eine verhasste öffentliche Person und erhielt kaum Rollenangebote. Nach ihrer Darstellung in NORA machte sie zwei Jahre keinen Film. Neben Fonda überzeugen David Warner als ganz und gar unsympathischer Torvald, Trevor Howard und die wundervolle Delphine Seyrig als Noras Freundin Christine. Gerüchten zufolge versuchten Fonda und Seyrig, Regisseur Losey zu überzeugen, die Dialoge zu modernisieren, er aber wollte Ibsen so werkgetreu wie möglich auf die Leinwand bringen.

So ist NORA in erster Linie Schauspielerkino. Filmisch bleibt er von geringem Interesse. Die verschneite Stimmung wird von Losey gut eingefangen und vermittelt ein durchgängiges Gefühl von Kälte und Unbehagen. NORA wirkt größtenteils wie ein Fernsehfilm, weil Losey auf Außenaufnahmen weitgehend verzichtet und das Drama wie auf der Bühne inszeniert. Wie die meisten seiner Filme ist auch NORA spröde und distanziert erzählt, was aber durchaus mit Ibsen korrespondiert. In dieser eisigen Umgebung ist Nora der einzige Mensch mit Wärme und moralischer Aufrichtigkeit, trotz ihrer großen Lüge. Die Doppelmoral von Ehemann und Gesellschaft, die eine ungehorsame Frau ungeachtet ihrer Motive verdammen, ist der Kernpunkt des Stücks und der Verfilmung. Das mag für uns heute vielleicht nicht mehr aktuell sein, aber für die damalige Zeit war Ibsens Drama - insbesondere wegen des Endes - ein echter Skandal (was seine Kritik an eben jener Doppelmoral nur bestätigte). Im gleichen Jahr erschien übrigens eine weitere Verfilmung mit Anthony Hopkins und Claire Bloom - offenbar waren die frühen 70er ideal für einen derart emanzipatorischen Stoff.
Empfehlen kann ich NORA Freunden der gepflegten Theaterverfilmung. Er ist weder sensationell noch innovativ, aber die Darsteller sorgen für anspruchsvolle Unterhaltung. An die großen Bühnen-Verfilmungen wie etwa "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" reicht er aber nicht heran.

06/10

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