Mittwoch, 17. Februar 2010

My Private Idaho (1991)

Mit MY PRIVATE IDAHO hat Independent-Regisseur Gus Van Sant 1991 seinen wohl schönsten Film geschaffen, der auch heute noch genau so berührt wie seinerzeit. Erzählt wird von den zwei Teenagern Mike (River Phoenix) und Scott( Keanu Reeves), die sich als Stricher durchs Leben schlagen. Der sensible Mike ist auf der Suche nach seiner Mutter und leidet an Narkolepsie, was ihn immer wieder in gefährliche Situationen bringt, Scott stammt aus gutem Hause und rebelliert gegen den lieblosen Vater. Der Film führt die beiden Außenseiter zunächst nach Idaho, dann nach Italien, wo sich für einen der beiden das Leben vollkommen ändert...

Als Vorlage für sein Road-Movie diente Van Sant Shakespeares Königsdrama "Henry IV", Keanu Reeves übernimmt hier den Part des Henry, sein Kumpel und Vaterersatz Falstaff, von dem er sich schließlich abwendet, heißt nun Bob und wird von William Richert gespielt. Der Film steckt voller Shakespeare-Bezüge, funktioniert aber auch völlig ohne dieses Wissen. Gus Van Sant zeichnet Bilder von bizarrer Schönheit und verzichtet auf jeglichen Kitsch, Pathos oder Melodramatik. MY PRIVATE IDAHO ist ein roher, ehrlicher und ungeschönter Film über das Leben auf der Straße mit gelegentlichem Hang zum Surrealismus, etwa wenn plötzlich ein Haus vom Himmel fällt oder die Coverboys von Pin-Up-Magazinen im Zeitschriftenregal zum Leben erwachen und miteinander diskutieren.

Im Zentrum aber steht die Beziehung zwischen Scott und Mike. Der unvergessene River Phoenix starb nur zwei Jahre nach dem Film im Alter von 23 Jahren, was dem Film eine tragische Komponente verleiht. Sein Mike ist vielleicht Phoenix' beste Darstellung. Er wirkt so unglaublich einsam und verletzbar, dass man ihn durchgehend in den Arm nehmen und beschützen möchte. Er ist das träumende Kind in einer fremden Welt, seine Ohnmachtsanfälle bedeuten auch eine Flucht vor dieser grausamen Realität. Der oft gescholtene Keanu Reeves überzeugt gleichermaßen als jugendlicher Rebell, der die enttäuschte Liebe zum Vater, die Liebe zu Mike und seine eigene Homosexualität verdrängt und nie erkennt, wer er ist oder was er sein möchte. Die Szene, in der Mike am Lagerfeuer Scott seine Liebe gesteht, nimmt den späteren "Brokeback Mountain" vorweg und ist der wohl ergreifendste Augenblick. In einer Nebenrolle begeistert Udo Kier als exzentrischer Freier, der im Hotelzimmer mit einer Tischlampe vor den Teenagern einen Geistertanz aufführt.

MY PRIVATE IDAHO ist kunstvolles Arthaus-Kino, Liebesgeschichte, Shakespeare-Adaption und Bestandsaufnahme einer Generation ohne Wurzeln oder Zuhause. Einer der besten Filme der 90er.

08/10

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