Samstag, 13. Februar 2010

Ministerium der Angst (1945)

Fritz Langs MINISTERIUM DER ANGST aus dem Jahr 1945 lehnt sich deutlich bei Hitchcocks Thrillern, insbesondere dem großartigen "39 Stufen" (1935) an und gehört zu Langs besten amerikanischen Arbeiten, gerade wegen seiner surrealen Atmosphäre und den unglaublich bizarren Einfällen.

Ray Milland spielt einen soeben aus einem Sanatorium entlassenen Mann, der bei einem Zwischenstopp nach London auf einem mysteriösen Rummelplatz eine Torte gewinnt, daraufhin Hals über Kopf in die Machenschaften eines Spionagerings gerät und bald selbst als Mörder gesucht wird.

Die originelle Handlung lebt dabei in erster Linie von ihren überraschenden Wendungen. Freundliche Helfer entpuppen sich als Killer, bedrohliche Verfolger wiederum als Vertraute, Totgeglaubte als höchst lebendig undsoweiter. Das Drehbuch nach dem Roman von Graham Greene kreiert Szenen von alptraumhafter Qualität, allein die Rummelplatz-Exposition mit anschließender, nächtlicher Zugfahrt und Mordanschlag durch einen vermeintlich Blinden ist stärkstes, schwarzes Kino.

Die eigentliche Brillanz und Faszination des Films liegen aber in Langs sowohl ökonomischer (er spart zum Beispiel die erste wirkliche Großaufnahme seines Hauptdarstellers 40 Minuten lang auf, bis Milland von seiner tragischen Backstory berichtet und man als Zuschauer zum ersten Mal an seinem Schicksal beteiligt wird) als auch wundervoll expressionistischer Bildgestaltung. Die Figuren werfen lange Schatten und sind stets von tiefstem Schwarz umgeben, Tageslicht-Szenen kann man an einer Hand abzählen, die Schrecken des Krieges sind durch permanentes Sirenengeheul und Fliegeralarm immer präsent. Eine fremde, seltsame Welt, wie es bei David Lynch lauten würde, der viel von Lang gelernt hat. Eine Séance, die mit Mord endet, wird von Lang gar so großartig geleuchtet, dass sie direkt aus dem Unterbewusstsein zu stammen scheint. Die Atmosphäre von MINISTERIUM DER ANGST ist so dick, dass man sie schneiden kann.

Ray Milland, der sowohl den Bösewicht als auch den (unfreiwilligen) Helden spielen kann, geht souverän durch den Film. Der Hintergrund seiner Figur (er hat bei seiner todkranken Ehefrau Sterbehilfe geleistet und ist deswegen verurteilt worden) gibt dem Film eine zusätzliche, tragische Komponente und zeigt den Mut, mit dem im Film Noir Filmcharaktere gebrochen wurden. Die amerikanischen Filme Langs sind immer auch Filme von gebeutelten, zerrissenen Menschen, die sich in der Welt nicht zurecht finden. Als Außenseiter in Hollywood ist sein eigenes Fremdsein immer spürbar. Unverständlich, warum Graham Greene mit dem Film nicht einverstanden war. Fritz Lang beweist sich wieder einmal als großer Filmkünstler, der den Film Noir mit dem klassischen Expressionismus in einer Art zu verbinden versteht, wie es nur wenige (etwa Robert Siodmak) können.
Einen Film wie MINISTERIUM DER ANGST zu studieren ersetzt ganze Filmkurse.

09/10

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