Dienstag, 16. Februar 2010

Mein Bruder Kain (1992)

Manchmal muss man einfach eine Lanze brechen. Niemand sollte bei einem Film von Brian De Palma einen 08/15-Thriller erwarten.
MEIN BRUDER KAIN (Raising Cain) handelt von Schizophrenie, und ebenso wie die Psyche der Hauptfigur ist auch die Filmerzählung aufgespalten in Rückblenden, Alptraumsequenzen, Alpträume in Rückblenden, etc.
Das mag beim ersten Sehen verwirrend sein, aber es ist dem Thema angemessen und faszinierend umgesetzt.

MEIN BRUDER KAIN erzählt vom Kinderpsychologen Carter (John Lithgow), dessen Ehefrau Jenny (Lolita Davidovich) ihrer ehemaligen Liebe Jack (Steven Bauer) begegnet und erneut eine Affäre beginnt. Der ohnehin schon schizophrene Carter, der unter Druck seines Bruders Cain (wieder Lithgow) Kinder entführt, mit denen sein Vater (nochmal Lithgow) dubiose psychologische Experimente durchführt, dreht nun völlig durch...

Hat de Palma in seiner Karriere häufiger Hitchcock zitiert als jeder andere Regisseur, nimmt er sich für MEIN BRUDER KAIN nun Michael Powells "Peeping Tom - Augen der Angst" (1960) als Vorbild. Darüber hinaus zitiert er sich ausgiebig selbst. Im Finale liefert er sogar eine Fahrstuhlsequenz mit einer mörderischen Dame, die eigentlich ein Mann ist, die Hommage muss man nicht weiter erklären. Ein Tracking Shot, der den Gang einer Psychologin (Frances Sternhagen mit einem der längsten Monologe der Filmgeschichte) und zwei Detectives durch das gesamte Polizeigebäude, in Fahrstühle und über Treppen bis hinunter in die Pathologie schildert, bis er auf dem schreckverzerrten Gesicht einer Leiche endet, kommt wieder einmal scheinbar ohne Schnitt aus und gehört zu de Palmas Markenzeichen. Großmeister Hitchcock kommt ebenfalls zum Einsatz, wenn John Lithgow einen Wagen mit Leiche im Sumpf versenkt und er "Psycho" (1960) bis ins Detail kopiert - mit überraschender Wendung.

Meine Lieblingssequenz ist die Wiederbegegnung der beiden Liebenden Davidovich und Bauer in einem Uhrengeschäft. Sie ist nicht nur gut gespielt, sondern auch thematisch mit den Unmengen tickender Uhren als hörbarem Motiv der Vergänglichkeit hervorragend inszeniert. De Palmas Besessenheit von Überwachungstechnik findet sich gleich in der ersten Einstellung des Films, wenn wir Lithgow und seine Tochter zusammen auf dem Monitor einer Überwachungskamera sehen.

Sicher hat MEIN BRUDER KAIN seine Schwächen. Das Tempo wird nicht durchgängig gehalten, und einige Humor-Anflüge sind eher unfreiwilliger Natur. Spannungsmäßig kann er nicht mit De Palmas Meisterwerken "Dressed to Kill" (1980) oder "Blow Out" (1981) mithalten. Für mich gehört MEIN BRUDER KAIN dennoch zu den meistunterschätzten Thrillern der 90er. Nicht umsonst taucht er in keiner Standardliteratur zum Thema auf, und im Kino war er ein gewaltiger Flop. Auch die Fans zeigten sich enttäuscht, hatten sie sich doch von de Palmas Rückkehr zum Psycho-Thriller (und der Verwendung von Pino Donaggio als Filmkomponisten) mehr erhofft als dieses verschachtelte Zitaten-Potpourri.

Fans des Schauspielers John Lithgow kommen hier auf jeden Fall auf ihre Kosten, denn der spielt seine insgesamt fünf Rollen brillant (wenngleich so exaltiert, dass viele Zuschauer Schwierigkeiten mit seiner Darstellung haben dürften).
Am Ende serviert De Palma einen Schluss-Schock, den er bei Argentos "Tenebrae" (1982) entliehen hat, und der dem Publikum den einen oder anderen Herzinfarkt beschert.
Wenn man bereit ist, sich auf etwas Ungewöhnliches einzulassen, kann MEIN BRUDER KAIN ausgezeichnet unterhalten.

08/10

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