Dienstag, 16. Februar 2010

Marnie (1964)

Seinerzeit von der Kritik verrissen und vom Publikum ignoriert, ist Alfred Hitchcocks MARNIE heute endlich als eines der wichtigsten Werke des Meisters anerkannt, selbst wenn seine Schwächen immer noch deutlich sind.

Die Geschichte: Marnie (Tippi Hedren) ist eine sexuell gestörte Diebin, die sich unter falschen Identitäten Zugang zu den Tresoren ihrer Arbeitgeber verschafft, diese ausraubt und auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Ihr neuer Boss ist aber der unwiderstehliche Sean Connery, und dieser wirft gleich mehrere Augen auf die Dame, erpresst sie zur Heirat und kommt einem schrecklichen Erlebnis aus Marnies Kindheit auf die Spur, das ihr zwanghaftes Verhalten auslöste...

Zugegeben, die Psychologie ist hier noch naiver als in Hitchcocks Klassiker "Spellbound - Ich kämpfe um dich" (1945). Die Vorstellung, dass es für jede Störung einen klaren Auslöser gibt, dessen Bewusstmachung alleine reicht, um jahrelange Neurosen zu heilen, ist typisch Hollywood und wird heute als Küchenpsychologie bezeichnet. Dazu ist "Marnie" etwas zu lang und zu dialoglastig geraten, was sogar Drehbuchautorin Jay Presson Allen zugibt, die aufgrund ihrer Theatererfahrung die Figuren oft Monologe halten lässt, anstatt filmischen Dialog zu verwenden. Kritiker warfen Hitchcock zudem die schlampigen Rückprojektionen und gemalten Hintergründe vor, die von Hitchcock-Verehrern über die Jahrzehnte als bewusst eingesetzte Abbilder von Marnies gestörtem Unterbewusstsein erkannt werden wollten. Laut Donald Spotos Biografie "The Dark Side of the Genius" hält sich das Vorurteil, Hitchcock hätte kaum noch Interesse an der Fertigstellung des Films gehabt, nachdem er sich an Hauptdarstellerin Tippi Hedren herangemacht hatte, die ihn aber abwies. Tatsächlich war das Verhältnis der beiden während der Dreharbeiten gespalten, aber die Entscheidung über technische Aspekte hat Hitchcock immer noch bewusst getroffen.

Als Marnie muss Hedren die ultimative Erniedrigung über sich ergehen lassen. Sie wird in der Hochzeitsnacht von ihrem Ehemann Connery vergewaltigt, nachdem sie sich seiner Annäherung entziehen wollte. Diese Szene, die bereits in der Romanvorlage enthalten ist, führte zum Bruch mit dem ursprünglichen Drehbuchautor Evan Hunter ("Die Vögel", 1962), der sich weigerte, diese Sequenz zu schreiben, weil er der (berechtigten) Meinung war, das Publikum würde jede Sympathie mit der Connery-Figur verlieren. Er wurde durch Autorin Jay Presson Allen ersetzt, die keine Probleme damit hatte und die Szene weniger als Vergewaltigung denn als problematische Ehe-Situation sah.

Was "Marnie" aber so außergewöhnlich macht, sind die ausgefallenen Kameraperspektiven Hitchcocks, die Konzentration auf die Psyche der weiblichen Hauptfigur und die Zeichnung der Beziehung von Connery und Hedren, die an krankhaftem Verhalten kaum zu übertreffen ist. Connery sieht Hedren als gefährliches Großwild, das man jagen und einfangen muss. Die Tatsache, dass sie eine Diebin ist, erregt ihn emotional und sexuell. So dringend Marnie eine Therapie benötigt - er braucht sie noch dringender. Hitchcock inszeniert grandiose Passagen wie eine traumatische Fuchsjagd, in deren Verlauf Hedren ihr Pferd erschießen muss, sowie einen Einbruch, der in vollkommener Stille abläuft und an Spannung kaum zu übertreffen ist. Eine grandiose Kamerafahrt durch Connerys Anwesen und eine Partygesellschaft bis zu einer Tür, hinter der ein Überraschungsgast wartet, erinnert an die ähnlich großartige Kranfahrt in "Berüchtigt" (1946). Die finalen Rückblenden, in denen das grausige Ereignis aus Marnies Kindheit bebildert wird, können heute noch verstören.

Grandios untermalt wird das dramatische Geschehen von Meisterkomponist Bernard Herrmann. Dessen schwermütige Musik wurde von den produzierenden Universal-Studios missbilligt, und bei Hitchcocks folgendem Film "Torn Curtain" (1966) wurde er gebeten, eine modernere Musik mit verkaufsträchtigem Song zu komponieren. Nach seiner Weigerung wurde er gefeuert, und die jahrelange Freundschaft zwischen Herrmann und Hitchcock war beendet.

Und noch ein Wort zu der oft gescholtenen Besetzung - Sean Connery hat exakt die lauernde, animalische Ausstrahlung, die die Rolle verlangt, und Tippi Hedrens Darstellung trägt den ganzen Film mühelos und sorgt dafür, dass wir an einer im Grunde unsympathischen, krankhaften und kriminellen Hauptfigur nie das emotionale Interesse verlieren. Sie gehört zu den meistunterschätzten und ignorierten Leistungen der Filmgeschichte. Als Marnies Mutter zeigt Louise Latham dazu eine absolut beeindruckende Vorstellung - sie ist es selbst, die in den Rückblenden ihr 20 Jahre jüngeres Ich spielt.

Es waren übrigens die Feministinnen und die französischen Filmemacher, die MARNIE stets verteidigten und zu einem besseren Ruf verhalfen. Als Geschichte einer Frau, die sich weigert, sich gesellschaftlichen Schranken zu unterwerfen und in einer heterosexuellen Ehegemeinschaft ihr Heil zu finden, ist MARNIE heute noch ein faszinierendes Studienobjekt und beweist, wie sehr Hitchcock seiner Zeit voraus war. Er gibt der missbrauchten, von allen gejagten und erniedrigten Frau eine Stimme, und er lässt sie ihren Zorn hinausschreien.

Trotz oder sogar wegen seiner Schwächen gehört "Marnie" zu den Sternstunden des Kinos. Ich kann ihn immer wieder sehen und darin versinken. Ein Film über und voller Obsessionen.

10/10



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