Mittwoch, 17. Februar 2010

Manhattan (1979)

Vom ersten Filmmoment an, wenn George Gershwins "Rhapsody in Blue" die wundervollen Schwarzweiß-Bilder von New York untermalt, ist klar, dass es sich hier um einen der schönsten, außergewöhnlichsten und eindrucksvollsten Filme von Woody Allen handelt. Am Ende weiß man, dass man auch eines der witzigsten, bewegendsten und intelligentesten Werke des Regisseurs gesehen hat.

MANHATTAN entstand 1979 nach dem Riesenerfolg ANNIE HALL und dem dramatischen INNENLEBEN, und für mich zeigen alle drei Filme zusammen Woody Allen auf dem Höhepunkt seiner Kunst. Worum geht es in MANHATTAN? Es geht um Liebe und Beziehungen. Darum, wie sich Menschen selbst im Weg stehen, immer das große Glück suchen und es nie finden, weil sie nichts verstehen. Es geht um falsche Erwartungshaltungen und unerfüllte Sehnsüchte. Keine Figur in MANHATTAN bekommt, was sie will, und alle sind selbst daran Schuld. Als Zuschauer kann man das komische Treiben beobachten und sämtliche Fehler der Protagonisten wahrnehmen, während sie selbst blind durch Manhattan stolpern.

Die Besetzung ist perfekt - neben Woody Allen und der wie immer brillanten Diane Keaton (die hier eine höchst gestörte und neurotische Frau spielen darf, wie nur sie es kann) glänzt vor allem die junge Mariel Hemingway als 17-jährige Geliebte von Allen. So schockierend das auf manche Zuschauer wirken mag, so klug und warmherzig wird diese Beziehung geschildert. Hemingways Tracy ist die einzig loyale und ehrliche Figur in MANHATTAN und das emotionale Zentrum des Films. In einer Nebenrolle spielt Meryl Streep (kurz vor ihrem Durchbruch mit "Kramer gegen Kramer") die biestige Ex-Ehefrau von Allen, die ihn für eine andere Frau verlassen hat und nun ein Buch über ihre gemeinsame Vergangenheit schreiben will, was Allen fast um den Verstand bringt. Wie alle übrigen Charaktere kann er die Vergangenheit nicht loslassen und somit nie eine Zukunft finden. Diane Keaton erzählt noch im Bett nach vollzogenem Liebesakt von ihren Ex-Liebhabern, Allens Freund Michael Murphy trennt sich, ent-trennt sich und trennt sich wieder, auch er kommt nicht von der Stelle.

MANHATTAN wurde von Allen in Cinemascope gedreht, und die Bilder von Kameramann Gordon Willis sind sowohl betörend schön als auch entlarvend. Immer wieder versperren Gegenstände und andere Menschen die Sicht sowohl des Zuschauers auf die Charaktere als auch die der Figuren zueinander. Ob die Schauspieler gehen, stehen oder sitzen ist immer abhängig von ihrem Beziehungszustand. Wenn die Liebe zwischen Allen und Diane Keaton entbrennt, sitzen sie gemeinsam vor der Brooklyn Bridge - später, wenn die Liebe abgekühlt ist, sprechen sie über mehrere Räume getrennt miteinander. Wie Woody Allen es selbst im Film ausdrückt, sind seine Figuren so sehr mit ihren kleinen Beziehungsproblemen beschäftigt, um sich nicht mit größeren Fragen des Universums auseinandersetzen zu müssen. In einer der schönsten Sequenzen spazieren Keaton und Allen durch eine Museums-Planetenlandschaft, und die Kamera fängt sie klein und unbedeutend in Relation zur Galaxie um sie herum ein. Neben aller Ernsthaftigkeit seiner Themen ist MANHATTAN aber auch umwerfend komisch. Sätze wie "Ich mache mir langsam Sorgen, dass keine meiner Beziehungen länger dauert als die Ehe zwischen Hitler und Eva Braun" sind inzwischen Klassiker und werden stets wie nebenbei serviert, allein deshalb sollte man den Film schon öfter sehen.

Woody Allen selbst war mit MANHATTAN übrigens so unzufrieden, dass er United Artists, die den Film herausbrachten, anbot, einen weiteren Film kostenlos zu drehen, wenn sie MANHATTAN nicht veröffentlichen. So falsch kann man liegen. MANHATTAN gilt heute als Sternstunde im Schaffen des Regisseurs, und als Glücksfall fürs Kino. Eine Liebeserklärung an New York, seine Bewohner und an die Liebe selbst.

09/10

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