Mittwoch, 17. Februar 2010

Ma Mere (2004)

Nachdem ich von Christophe Honorés "Chansons der Liebe" restlos begeistert war, habe ich mir umgehend "Ma Mère" von 2004 gekauft und mich auf ein psychologisch fesselndes Drama gefreut - und wurde ziemlich enttäuscht. Die Verfilmung einer Vorlage von Georges Bataille erzählt vom jungen Pierre (Louis Garrel), der bei seinen Großeltern aufgewachsen ist und nun seine Eltern (Isabelle Huppert und Philippe Duclos) auf den Kanarischen Inseln besucht. Nachdem der Vater überraschend stirbt, begleitet Pierre seine Mutter bei deren nächtlichen erotischen Abenteuern. Mehr und mehr lässt er sich treiben, gibt sich sexuellen Ausschweifungen hin, das inzestuöse Verhältnis mit seiner Mutter wird immer intensiver...

Ohne Zweifel ist hier viel Material vorhanden, das unaufgeschlossene Mainstream-Zuschauer mehr als nur leicht schockieren dürfte. Honoré zeigt Sex in verschiedensten Varianten, Full Frontal Nudity, Urinieren auf Pornoheftchen, orale Erforschung von Pos und anderen Körperteilen, öffentlichen Personen-Nahverkehr, etc. Erotisch ist das nicht und will es auch nicht sein, sondern drastisch und konsequent. Hier geht es nicht um die Befriedigung lüsterner Zuschauer-Erwartungen, sondern um eine schonungslose Offenlegung gestörter Beziehungen und Seelen. Ich möchte für Zartbesaitete anmerken, dass es keine pornographische Handlung zu sehen gibt (wie etwa in "Der Pornograph").
Schauspielerisch kann man nichts aussetzen. Isabelle Huppert wirft sich gern in solch fordernde Rollen und überzeugt mit einer minimalistischen Darstellung. Was ich an Huppert so schätze ist die unglaubliche Zurückhaltung. Exzessive Figuren spielt sie niemals exzessiv, sondern mit kleinen, feinen Gesten, das ist intelligent und faszinierend (sie gehört nicht zu den Schauspielern, die mit Schaum vorm Mund um Preise betteln). Nicht nur wegen ihrer Mitwirkung wird man an Hanekes Die Klavierspielerin erinnert, der aber in meinen Augen wesentlich besser gelungen ist. Das Problem von "Ma Mère" ist Honorés Weigerung, irgend ein Verhalten psychologisch zumindest zu motivieren, wenn er schon auf jede Erklärung verzichtet. So wird Pierre in einen selbstzerstörerischen Strudel hineingerissen, ohne jemals Zweifel, Zögern oder Bedenken zu zeigen. Alle Charaktere sind behauptet und werden kaum schlüssig entwickelt, so bleibt man als Zuschauer stets Beobachter, die Figuren seltsam fremd, ohne Identifikationsmöglichkeiten.

Honorés visueller Stil ist angenehm schlicht, meistens folgt lediglich die Handkamera den Protagonisten. Seine Musikauswahl ist ebenfalls gelungen. Trotzdem scheint mir "Ma Mère" zu sehr auf den Skandalfaktor zu setzen, der alleine wenig bringt (ganz besonders, wenn man schon viel gesehen hat). Eine durchgehende Spannung wird nicht erreicht, dazu sind viele Sequenzen zu langatmig geraten. Die teilweise wütenden Reaktionen, die hier nachzulesen sind, zeigen, wie kontrovers der Film aufgenommen wird. Wer sich über das fehlende erotische Prickeln beklagt, sollte aber lieber zu "Basic Instinct" greifen. Wer mehr über gestörte Beziehungen sehen will, die sich in sexueller Besonderheit (ich möchte nicht "Perversion" sagen, da dies ein wertender Begriff ist) ausdrücken, dem sei wieder "Die Klavierspielerin" empfohlen. "Ma Mère" ist nicht unbedingt anstrengend, aber für meinen Geschmack zu angestrengt.

03/10

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