Sonntag, 14. Februar 2010

Letztes Jahr in Marienbad (1961)

Ein luxuriöses Hotel in einer vergangenen Zeit, vornehm gekleidete Menschen, die starre Gesellschaftsspiele spielen, ein Mann namens X (Giorgio Albertazzi), der eine schöne Frau namens A (Delphine Seyrig) anspricht. Sie haben sich bereits im letzten Jahr getroffen, hier oder auch in Karlsbad, sie wollte angeblich mit ihm durchbrennen. A aber will oder kann sich nicht erinnern, X lässt nicht locker. Gab es im letzten Jahr ein Eifersuchtsdrama, einen Mord, ist die Frau vor ihm vielleicht nur eine Geistererscheinung? Oder wiederholt sich die Begegnung jedes Jahr wieder?

Fragen über Fragen in einem der großen Meisterwerke der Filmkunst, Alain Resnais' LETZTES JAHR IN MARIENBAD (1961). Die Beantwortung dieser Fragen ist unwichtig, die Überlegungen darüber machen den Film aus, den man nicht rational erfassen sollte. Er ist eine Symphonie in Schwarzweiß, mit hypnotischen, surrealen Bildern und dem vielleicht perfektesten Rhythmus der Filmgeschichte. Seine fließende Langsamkeit wird nie, nicht einmal für eine Sekunde unterbrochen. Wer konventionelle Unterhaltung oder eine Handlung sucht, ist hier falsch und wird entweder zu Tode gelangweilt oder wütend. Wer akzeptiert, dass Film noch mehr darf und kann, der wird MARIENBAD genießen können.

Resnais und sein Drehbuchautor Alain Robbe-Grillet (wichtiger Autor des "Nouveau Roman") brechen sämtliche Regeln der Filmerzählung. Dialoge verstummen unvermittelt, während die Charaktere weitersprechen, die Chronologie der Ereignisse wird zerschmettert, Kostüme und Dekors wechseln innerhalb der Szenen, innere Monologe ersetzen den objektiven Blick, es gibt weder ein wo, wann oder ein warum. MARIENBAD ist ein Labyrinth, aus dem es keinen Ausgang gibt, der Aufenthalt selbst ist das Erlebnis. Es geht um Zeit, um Erinnerungen (die wahr oder falsch sein können und manchmal beides), um Liebe, Sehnsucht, Verlangen, Abweisung und die klassische Dreieckstragödie.

Die Darsteller zeigen kaum Emotionen und bewegen sich minimal, stattdessen bewegt sich die Kamera und schwelgt in den opulenten Dekors einer toten Welt, begleitet von Orgelmusik. In einer Sequenz unterhalten sich die Charaktere über eine Statue und deren Bedeutung. Jeder sieht etwas anderes in ihr. So sollte man sich auch LETZTES JAHR IN MARIENBAD nähern. Es ist schon erstaunlich, wie sehr man von anderen Künsten (Theater, Malerei) verschiedene Darstellungsformen akzeptiert, während Surrealismus und Abstraktion im Film schnell als inhaltsleer und prätentiös abgelehnt werden.

MARIENBAD ist ein abstrakter Film, wunderschön, schwebend, zeitlos, ein Fest fürs Auge und eine Herausforderung. Er ist der Beweis, dass Film viel mehr sein kann, und er hat die Zeit glänzend überdauert. Auf den Filmfestspielen in Venedig wurde LETZTES JAHR IN MARIENBAD 1962 mit dem goldenen Löwen ausgezeichnet und war weltweit ein großer kommerzieller Erfolg. Kann man sich das heute noch vorstellen?. Ich liebe diesen Film!

10/10

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