Mittwoch, 17. Februar 2010

King of Comedy (1982)

Nachdem Martin Scorsese und Robert De Niro mit "Raging Bull" künstlerisch und finanziell abräumen konnten, widmeten sie sich mit THE KING OF COMEDY einem persönlichen, kleinen Film, der nicht gegensätzlicher hätte sein können - und erlitten Schiffbruch. THE KING OF COMEDY war ein katastrophaler Flop und machte es Scorsese für viele Jahre unmöglich, weitere persönliche Projekte zu realisieren.

Aus heutiger Sicht muss man klar sagen, dass der Zeitpunkt für diesen grimmigen Film denkbar falsch war. Mit seiner Aufarbeitung der von Warhol beschworenen "15 Minuten Ruhm" war Scorsese gleichzeitig seiner Zeit voraus, die extrem eigenwillige Umsetzung war aber 1983 nicht mehr gefragt und wäre in den 70ern wahrscheinlich besser angekommen.

Robert De Niro spielt Rupert Pupkin, einen Möchtegern-Komiker, der unbedingt in der beliebten TV-Show seines Idols Jerry Langford (Jerry Lewis) auftreten will. Er lebt in einer Fantasiewelt, spielt im Keller mit Lewis-Pappfiguren den Talkshow-Gast, nervt Mitarbeiter des TV-Senders mit Dauerpräsenz und rückt dem angebeteten Star schließlich selbst auf den Leib, bis er keinen anderen Weg zum Ruhm sieht, als Langford gemeinsam mit einer Komplizin (Sandra Bernhard) zu entführen...

Zuallererst muss man sagen, dass sämtliche Darsteller, von den Stars bis zur höflichen TV-Assistentin (Shelley Hack, später einer der "Drei Engel für Charlie"), überragend spielen, allen voran natürlich Robert De Niro. Sein Rupert Pupkin, dessen Name sich niemand merken kann, ist an der Oberfläche freundlich, anbiedernd, aber darunter stets latent aggressiv. Er ist eine tickende Zeitbombe und ebenso gefährlich wie sein "Taxi Driver" Travis Bickle. Scorsese erzählt Pupkins Geschichte als Psychogramm eines gestörten Menschen, der an seiner eigenen Bedeutungslosigkeit zugrunde gehen wird, wenn er nicht ins Fernsehen kommt. Die düstere Psychologie und Backstory seines Charakters erfahren wir erst in seiner finalen Stand-Up-Nummer, ein Geniestreich des Drehbuchs. Jerry Lewis spielt sich im Grunde selbst und hat einige urkomische Momente (etwa wenn er De Niro in einer Fantasiesequenz schüttelt und würgt), insgesamt aber - und das betrifft den gesamten Film - ist seine Figur nicht auf Komik angelegt.
Der große Misserfolg ist auch darauf zurückzuführen, dass THE KING OF COMEDY keine Komödie, sondern im Grunde ein Horrorfilm ist. Scorseses folgender Film "After Hours" funktioniert ähnlich. Die Isolation von De Niro, seine verzerrte Selbstwahrnehmung und die vielen peinlichen Momente hinterlassen ein Gefühl des Unbehagens. Man kennt solche Menschen, die nicht loslassen können, die sich vollkommen irrational verhalten. Das ist nur bedingt lustig. Diese Weigerung von Scorsese, die Erwartungen an eine Komödie zu erfüllen, findet sich auch im Dialog, der stellenweise absurde Züge annimmt. Auf die Frage, ob Jerry Lewis denn De Niros Nummer kennen würde, antwortet De Niro "Ja, ich denke nicht." Während De Niro immer noch einen Rest an akzeptablem Verhalten zeigt, geht Sandra Bernhard an seiner Seite vollständig Over The Top, bis man wirklich Angst vor ihr bekommt - dabei will sie doch nur ihrem Idol Lewis den selbstgestrickten roten Pulli überziehen und bei Kernzelicht über ihn herfallen.

Im Gegensatz zur expressiven Kamera von "Raging Bull" nimmt sich Scorsese filmisch hier sehr zurück. Trotzdem ist seine Handschrift immer erkennbar, und der Meister tritt als Regisseur der TV-Show selbst auf. Übrigens ist es Scorseses eigene Mutter, deren Stimme wir in De Niros Keller hören, welche permanent nach ihm ruft.

THE KING OF COMEDY mag nicht für jeden Geschmack sein, für mich gehört er eindeutig zu Scorseses besten Werken, er ist ohne jede Schwäche umgesetzt.

10/10

Stand-Up King für eine Nacht

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