Mittwoch, 17. Februar 2010

Kalter Hauch (1972)

Über die späteren Bronson-Filme und deren teilweise penetrante Selbstjustiz-Propaganda kann man sicher viel Negatives sagen, aber "Kalter Hauch" gehört zu Bronsons besten Arbeiten, gerade weil hinter der oberflächlichen Thriller-Fassade eine präzise Charakterstudie gezeichnet wird. Michael Winner, ein vielfach unterschätzter Regisseur von harten Action-Thrillern, inszeniert die Geschichte um einen Profikiller (Bronson), der einen jungen Mitarbeiter/Nachfolger ("Airwolf"-Pilot Jan Michael Vincent) ausbildet, mit kühler Distanz zu seinen Figuren und ohne falsche Emotionalität. Er hält das Tempo auf Hochtouren und überrascht immer wieder durch ausgefallene Kameraperspektiven. Das Ambiente ist außerordentlich realistisch, die Montage streckenweise experimentell. Bronson spielt den einsamen Antihelden mit gewohnter Ernsthaftigkeit und ohne viel Mimik oder Gestik. Diese Sparsamkeit, die in anderen Filmen oft befremdlich wirkt, passt hier perfekt zu seinem Charakter, und der Zuschauer erfährt durch zahllose Details sehr viel über Bronsons Figur und Hintergrund.
Was den Thriller zusätzlich über den Durchschnitt hebt, ist das faszinierende Katz- und Mausspiel, das Bronson und Vincent abliefern, und an dieser Stelle muss gesagt werden, dass der Film für sein Genre überraschend deutliche, homoerotische Subtexte bietet. "Was wollen Sie eigentlich von mir?" fragt Bronson einmal den jungen Vincent, der ihn ununterbrochen beobachtet und studiert. Ihr Verhältnis ist geprägt von Anziehung, Eifersucht und Misstrauen. Dazu wird Bronsons Verhältnis zu Frauen (die im Film eine mehr als untergeordnete Rolle spielen) in einer sehr prägnanten Szene mit Jill Ireland (Mrs. Bronson im wahren Leben) als äußerst gespalten gezeigt - was zunächst wie eine Liebesszene beginnt, endet mit einer völlig überraschenden Wendung.

Vieles an "Kalter Hauch" hätte heute keine Chance mehr im Mainstream-Kino - weder die eben genannten Subtexte, noch die bedrohliche Stille, die den Film beherrscht (verstärkt vom außergewöhnlichen, komplexen Soundtrack von Jerry Fielding), geschweige denn der Zynismus, der sich durch die Geschichte zieht. Und - eine ganz persönliche Einschätzung - in einer Zeit, in der uns weichgespülte Milchbubis im Kino als harte Kerle verkauft werden sollen (keine Namen...), ist es geradezu eine Wohltat, in Bronson eine wirklich authentische Variante des scheigsamen Mannes und Antihelden zu entdecken, so wenig zugänglich er auch ist.

09/10

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