Mittwoch, 17. Februar 2010

Insignificance (1985)

Was wäre, wenn Marilyn Monroe, Albert Einstein, Joe DiMaggio und Kommunistenjäger MccCarthy in einer schwülen Sommernacht in einem New Yorker Hotelzimmer aufeinander getroffen wären?

Dieser intellektuell verspielten Frage geht Nicolas Roeg ("Wenn die Gondeln Trauer tragen") in seinem Werk "Insignificance" nach. Klingt merkwürdig? Ist es auch, aber auf unglaublich unterhaltsame und wunderbare Weise. "Insignificance" lässt sich keinem Genre zuordnen, er ist Arthouse-Kino, Screwball-Komödie, Ehedrama, Polit-Thriller und verfilmtes Theater in einem.

Dargeboten von einem hervorragendem Ensemble, angeführt von Roeg-Ehefrau Theresa Russell als verletzliche Marilyn Monroe, die soeben vom Dreh der berühmten U-Bahn-Schacht-Szene aus dem "verflixten 7. Jahr" kommt und unbedingt Albert Einstein beweisen will, dass sie seine Relativitätstheorie verstanden hat. Russell zeigt ein besonderes Gespür für die Feinheiten des Monroe-Charakters, ohne sie direkt zu imitieren, und ihre Darstellung ist keine Beleidigung (wie viele andere Monroe-Imitationen), sondern ein Versuch, sich dem differenzierten Charakter des einsamen Superstars vorsichtig zu nähern. Dabei ist sie gleichzeitig komisch, sexy und berührend. Michael Emil reagiert als skurriler Einstein auf die Schöne in seinem Hotelzimmer höchst verwirrt.
Scließlich taucht Joe DiMaggio, Basball-Legende und damaliger Ehemann der Monroe (gespielt von Gary Busey), im Hotel auf, um seine Frau und seine Ehe zu retten, kann sich aber nur mit körperlicher Gewalt durchsetzen. Nebenbei spielt Tony Curtis einen schrägen, aber dennoch gefährlichen McCarthy, der Einstein unter Druck setzt.

Was den Film inhaltlich so reich macht, sind die vielen, vielen Andeutungen und Anspielungen auf wahre Erlebnisse aus den Biografien der dargestellten Persönlichkeiten. Doch auch ohne diese Kenntnis funktioniert der Film. Die Frage, die unter allen Puzzleteilen liegt, ist die nach der Bedeutung (eben der "Significance") - was ist jedem einzelnen am Wichtigsten im Leben? Was bedeutet das einzelne Individuum mit seinen Lebensängsten in Relation zum Universum? Wir gehorchen alle denselben Regeln der Physik, aber verfolgen alle vollkommen andere Lebensziele. Und je mehr wir uns wichtig nehmen, desto mehr richten wir am Ende alles zugrunde. - Diese Interpretation ist natürlich rein subjektiv. "Insignificance" ist so offen gestaltet, dass jeder seine eigenen Schlüsse ziehen kann.

Nicolas Roeg ist ein Meister von Schnitt und Kamera, er bricht die theaterhafte Inszenierung immer wieder durch assoziative Schnitte, ungewöhnliche Perspektiven und technische Spielereien auf (der Film gewann den Großen Technik-Preis in Cannes 1985). Gleichzeitig durchzieht den Film eine Vision der Atombombe, der nahenden Apokalypse, die sich am Ende bewahrheitet (oder doch nicht?). Diese finale Sequenz, in der Raum und Zeit, Vergangenheit und Zukunft in atemberaubender Weise aufeinandertreffen, lohnt allein schon das Ansehen des Films.

"Insignificance" ist schwer zu fassen und noch schwerer zu empfehlen. Er ist für ein erwachsenes Publikum gedacht, das sich entweder für eine der dargestellten Persönlichkeiten interessiert oder Spaß an der intellektuellen Freude am Denken hat. Der Film bietet viel Stoff zum Nachdenken, Mitdenken, eigenem Assoziieren und ist nebenbei einfach gutes Schauspieler-Kino. Er befolgt keine filmischen Regeln, unterschätzt nie die Intelligenz des Zuschauers und weiß in jeder Sekunde, was er will. Für mich einer meiner absoluten Lieblingsfilme, gerade weil er so verrückt und eigen ist. Ich kann ihn immer wieder sehen und neue Details entdecken. Und ganz nebenbei bekommt man auch noch Einsteins Relativitätstheorie verständlich und humorvoll erklärt - welcher Film kann das schon von sich behaupten?

9.5/10

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