Mittwoch, 17. Februar 2010

In den Süden (2005)

"In den Süden" ist ein so kleiner, ruhiger Film, dass er leicht übersehen werden kann - im Kino wurde er in der Tat komplett übersehen. Dabei liegt gerade in seiner Schlichtheit die Kunst. Regisseur Laurent Cantet erzählt hier von drei Urlauberinnen auf Haiti, die nicht nur Sonne und Strand, sondern auch den Sex mit Einheimischen genießen, jede auf unterschiedliche Art. Die anfangs noch unkomplizierten Beziehungen geraten aber bald aus den Fugen, als die Liebe ins Spiel kommt...

"In den Süden" nimmt sich eines Themas an, das bislang selten bis nie im Kino dargestellt wurde - weiblicher Sex-Tourismus. Obwohl die Handlung in den späten 70ern/ frühen 80ern spielt, kann die Erzählung locker auf heutige Verhältnisse übertragen werden. Überraschend ist die sexuelle Offenheit des Films, allerdings nur auf der verbalen Ebene. In der Darstellung von Nacktheit und Erotik schreckt Regisseur Cantet zurück, und es ist nicht ganz klar, ob er sich entweder nicht dem Vorwurf des Voyeurismus' aussetzen will oder in diesem Punkt einfach feige ist, denn die gelebte Sexualität ist ein zentraler Teil der Geschichte.

Wie auch immer, so ist "In den Süden" tatsächlich nichts für Voyeure. Auf ihre Kosten kommen dafür Liebhaber des Schauspiel-Kinos, denn der Film lebt in erster Linie von den hervorragenden Darstellerinnen, allen voran Charlotte Rampling, die so wohltuend natürlich und ungekünstelt eine Figur spielt, die anfangs komplett unsympathisch ist, aber am Ende des Films Größe beweist und ehrliches Mitleid verdient. Neben ihr glänzt eine leider fast in Vergessenheit geratene Karen Young in einer sehr verletzlichen Rolle, das komplette Gegenteil der dominanten Rampling.

"In den Süden" vermeidet Moralisierungen und Schuldzuweisungen auf sehr angenehme Art, er fällt auch schlussendlich kein Urteil über die Handlungen seiner Figuren, sondern überlässt dies dem Zuschauer (und das tut so gut!). Er bezieht lediglich Stellung, indem er einen pessimistischen Grundton anschlägt und klarmacht, dass es für nichts auf der Welt einen "richtigen" Weg gibt. Wie Touristen die Einheimischen wahrnehmen, wie die Haitianer die Touristen wahrnehmen, was Liebesempfinden im Urlaub vom Alltag unterscheidet, warum Menschen verschiedene Masken tragen und was man von jemandem emotional verlangen darf, den man für diese Emotionen bezahlt - all das und mehr darf man als Zuschauer überdenken.
Visuell hingegen ist der Film eher unbedeutend, Cantet geht es lediglich um die Geschichte, nicht um künstlerische Ästehtik oder ausgefallene Kamerapositionen.

Eine Schwachstelle ist der Versuch, Gesellschaftskritik, Beziehungsdrama und auch noch die politischen Zustände Haitis unter einen Hut zu bekommen. Der Polit-Thriller, der sich neben der Handlung abspielt, gehört irgendwie in einen völlig anderen Film. Hier wäre vielleicht weniger mehr gewesen. Dennoch ist mir persönlich ein Film, der sich viel vornimmt und nicht alles mühelos erreicht, zehnmal lieber als ein Film ohne jede Ambition. Insofern kann ich "In den Süden" Liebhabern kleiner europäischer Filme empfehlen, die viel Wert auf Charaktere, Dialoge und leise Töne setzen. Er ist wahrlich nicht spektakulär, aber in der Blockbuster-Landschaft eine kleine, wertvolle Perle.

07/10

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