Montag, 15. Februar 2010

Im Schatten des Zweifels (1943)

Alfred Hitchcock hat IM SCHATTEN DES ZWEIFELS (Shadow of a Doubt) aus dem Jahr 1943 immer wieder zu seinem Lieblingsfilm erklärt, und tatsächlich sind die unglaubliche Liebe zum Detail, die Wärme in der Figurenzeichnung und die Gnadenlosigkeit des Plots so perfekt ausgearbeitet, dass man - selbst wenn man andere Hitchcocks vorzieht - seine Vorliebe verstehen kann.

Die Story: In der friedlichen Kleinstadt Santa Rosa lebt die sympathische Familie Newton. Als Onkel Charlie (Joseph Cotten) zur Freude aller aus der Großstadt zu Besuch kommt, muss seine Nichte Charlie (Teresa Wright) nach und nach erkennen, dass es sich beim lieben Onkel um einen gesuchten Serienmörder handelt. Bis sie sogar um ihr eigenes Leben fürchten muss...

Am Drehbuch hat u.a. Thornton Wilder mitgearbeitet, dessen Klassiker "Unsere kleine Stadt" hier in der präzisen Zeichnung der idyllischen Kleinstadt und ihrer Bewohner Einzug findet. Hat Hitchcock in seinen Filmen oft die dunklen Seiten in der heilen Familie gesucht und gerne die Mutter als Ursache allen Übels demaskiert, so ist das Böse in IM SCHATTEN DES ZWEIFELS eindeutig der Außenseiter Onkel Charlie, in der Familie selbst gibt es keine Abgründe. Erstaunlicherweise ist die Mutterfigur, verkörpert von Patricia Collinge, die sympathischste Figur des gesamten Films. Das mag vielleicht daran liegen, dass Hitchcocks eigene Mutter zur Zeit der Dreharbeiten sehr krank war und er nicht zu ihr nach England reisen konnte.

Überhaupt zeigt IM SCHATTEN DES ZWEIFELS Hitchcock von seiner entspanntesten und sensibelsten Seite. Viele seiner Lieblingsthemen finden sich hier wieder, z.B. das Doppelgänger-Motiv. So haben Onkel und Nichte nicht nur denselben Vornamen, sie werden auch in derselben Pose eingeführt und tragen sich mit ähnlichen Gedanken. Onkel Charlie ist das personifizierte Böse in Gentleman-Gestalt, so verführerisch und freundlich er nach außen erscheinen mag. Eine großartige Leistung von Joseph Cotten, der im besten Moment des Films einen Monolog über die satten, reichen Frauen hält, die er verachtet (und tötet) - eine Szene, die heute noch in ihrer Direktheit schockiert und die eine oder andere Gänsehaut verursacht.

Teresa Wright ist die perfekte Hitchcock-Heldin. Nicht die geheimnisvolle Blondine vom Schlage Grace Kellys, sondern das unschuldige Mädchen, dass auch in einer heilen Welt das Böse erkennen und erwachsen werden muss (etwa wie in JUNG UND UNSCHULDIG oder EINE DAME VERSCHWINDET, womit Hitchcock auch eine Brücke zu seinen britischen Meisterwerken schlägt). Züge sind wie immer bei Hitchcock schicksalhaft - der Zug bringt Onkel Charlie in die Stadt (mit dunklem Rauch aus dem Schornstein, ein Vorbote des Unheils), und im Zug findet schließlich die finale Konfrontation der beiden Charlies statt.

IM SCHATTEN DES ZWEIFELS besticht zudem durch überraschend sonnige Außenaufnahmen - etwas, was Hitchcock sonst immer gehasst hat (bei Außenaufnahmen hat der Regisseur nie die volle Kontrolle übers Licht). Alles in allem hat IM SCATTEN DES ZWEIFELS seinen Klassiker-Staus absolut verdient. Er ist spannender Thriller, detailgetreues Kleinstadt-Porträt und böses Märchen in einem, er steckt voller Subtexte und Ideen, sowohl inhaltlich als auch visuell. Ich könnte keine einzige Schwäche des Films nennen. Und so erklärt sich auch Hitchcocks Vorliebe.

10/10

Kommentare:

  1. Und endlich konnte Joseph Cotten mal zeigen was er kann. Ehrlich gesagt, finde ich ihn hier um Längen besser als in "Citizen Kane".

    GlG, Pia

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  2. Da bin ich ganz Deiner Meinung, wenngleich man die Rollen jetztg auch nicht unbedingt vergleichen kann, aber ich sehe Cotten auch lieber abgründig (auch in "Sklavin des Herzens") als nett. LG, Mathias

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  3. Ein Hitch ganz nach meinem Geschmack! Joseph Cotton ist die perfekte Besetzung und ja, auch für die weibliche Charlie hätte man keine bessere finden können als Teresa Wright. Viel Sonne, Städtchen, typische Provinzfamilie mit Liebreiz, Joseph als verwöhnter Lebemann und alles heile Welt - bis es dann aber so richtig abgründig wird. Für mich enthielt der Film auch noch eine Entdeckung eines Samples, das meine Lieblingsband Skinny Puppy verwendet aus der Szene als sich Cotton zu Tisch über die Witwen auslässt, antwortet ihm Teresa entsetzt "But they are alive! They are human beings!". Im Nachinein muss ich feststellen, sie haben in mehreren ihrer Songs "Shadow of a doubt" gesampelt.

    Cottons Fiesität kennt irgendwie auch gar kein Ende und das wirkliche Ende hatte ich so kaltblütig nicht erwartet. Das mit den Zügen wäre mir ebenfalls nicht aufgefallen, aber nun dank Dir. ;)

    Fazit: Ein echter Filmgenuss! Ich kann schon verstehen, warum es Hitchcocks Lieblingsfilm war. Der ist auch in meinen Top5.

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