Montag, 15. Februar 2010

Ich beichte (1953)


Alfred Hitchcocks ICH BEICHTE beginnt mit einer Montage von Schildern in den Straßen Quebecs - Schilder, die den Weg weisen sollen. Den richtigen Weg zu finden, darum geht es hauptsächlich in ICH BEICHTE, einem der meistunterschätzten Filme des Meisters. Die Story: ein Kirchen-Diener (O.E.Hasse) tötet aus Habgier einen Anwalt und beichtet den Mord seinem Pfarrer (Montgomery Clift), der daraufhin selbst in Mordverdacht gerät, das Beichtgeheimnis aber nicht verletzen darf...

Mehr zu erzählen würde einen Großteil der Spannung zerstören, die sich durch immer neue Wendungen und Konstruktionen aufbaut. Was den Film unter Hitchcocks Werken so besonders macht, ist seine absolute Ernsthaftigkeit. ICH BEICHTE ist ein fast dokumentarischer (und sehr europäisch anmutender) Film über den Leidensweg eines Mannes, der diesmal nicht von fremden Mächten durchs ganze Land gejagt wird, wie es häufig bei Hitchcock geschieht, sondern einen selbst auferlegten Leidensweg. In einer späten Einstellung macht sich Clift auf den Weg zur Polizei, und im Bild-Vordergrund trägt eine Jesus-Figur ihr Kreuz. Selten war Hitchcock deutlicher in seiner Symbolik.

Viele Kritiker (und auch Hitchcock selbst) haben dem Film Humorlosigkeit vorgeworfen, aber man fragt sich, wo der Humor hätte herkommen sollen. Dies ist eine nachtschwarze Geschichte über eine beklemmende Bürde. Der Film profitiert außerordentlich von der Präsenz und Würde Montgomery Clifts (ganz zu Schweigen von seiner unglaublichen Attraktivität), der für seine hervorragende Leistung viel zu wenig Anerkennung gefunden hat - ebenso wie der Film selbst. Nur durch seine Aufrichtigkeit nehmen wir Anteil an seiner Geschichte. Und das, obwohl sein Pater Michael in keiner Sekunde über seine Gefühle und sein Innenleben spricht - er transportiert alles über sein Gesicht, seine Körpersprache. Die Frage, ob und wann er sein Geheimnis preisgibt, stellt sich nie, da Clift und Hitchcock von Anfang an klarstellen, dass er dies niemals tun wird.

Ebenso übersehen wird oft Anne Baxter, deren "Beichte" in der Mitte des Films von zentraler Bedeutung ist. Die Rückblenden, die Hitchcock benutzt, passen sich dem naiven Erzählstil Baxters an. Dies sind die romantisch verklärten Erinnerungen einer unglücklich verliebten Frau, und so inszeniert Hitchcock sie mit extremem Weichzeichner und verschobenen Perspektiven als reines Fantasieprodukt, stellt damit deren Wahrheitsgehalt subtil in Frage. Großartig! Hitchcock hielt nach eigenen Aussagen nicht viel von Anne Baxter (sie wurde ihm vom Studio vorgeschrieben), doch spielt sie ihre sehr komplexe Rolle (ihre Handlungen sind nachvollziehbar, aber keineswegs sympathisch, ihr Verhalten gegenüber ihrem Ehemann ist eiskalt) absolut überzeugend. In einer kleinen, aber wichtigen Nebenrolle brilliert Dolly Haas als verletzliche und still leidende Ehefrau von O.E. Hasse, die beinahe an ihrem Wissen um die Tat ihres Mannes zerbricht.

ICH BEICHTE ist ein bescheidener, unaufdringlicher und deswegen umso größerer Film. Sämtliche Charaktere müssen Dinge tun, die sie nicht wollen (sogar Karl Malden als Kommissar ist es unangenehm, Clift zu verdächtigen, er muss aber - genau wie Clift - seine Pflicht erfüllen), und so kann man auch als Zuschauer kaum "Vergnügen" empfinden. Doch für das Vergnügen gibt es genug andere Hitchcocks. Ich persönlich ziehe ihn sogar einigen zu Tode diskutierten Meisterwerken Hitchcocks vor, weil ich immer wieder neue Details entdecke (ähnlich wie den ebenso verkannten SKLAVIN DES HERZENS). Getragen von einem wundervollen Montgomery Clift, geführt von Hitchcocks sensibler Regie, ist ICH BEICHTE ein ganz spezielles Erlebnis.

09/10

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