Mittwoch, 17. Februar 2010

Hotel (2004)

Jessica Hausners Arthaus/Horrorfilm HOTEL aus dem Jahr 2004 ist eine brillante Studie in schleichendem Unbehagen. Vergleiche mit "Shining", Lynch und "Blair Witch" wurden hier schon mehrfach gezogen und sind alle so richtig wie falsch, denn HOTEL ist ein vollkommen eigenständiger Film, der - wenn man sich auf ihn einlassen mag - sehr tief ins Unterbewusstsein dringt. Ich habe ihn vor ca. einem Jahr im Fernsehen "erwischt", und er ist mir nicht aus dem Kopf gegangen. Jetzt auf DVD hat er mir sogar noch besser gefallen, zumal mich seine extreme Langsamkeit nicht mehr unvorbereitet erwischte und ich ihn als sehr viel zielgerichteter und straffer empfand als beim ersten Sehen.

Worum geht es? Die junge Irene (Franziska Weisz) nimmt eine Stelle als Empfangsdame in einem abgelegenen Hotel an. Im Wald vor der Tür befindet sich die Teufelsgrotte, in der bereits vor Jahrzehnten eine Touristengruppe verschollen ist, eine Sage von einer Waldfrau wird erwähnt, ansonsten herrscht Stille. Beunruhigende Stille. Für Irene wird das Hotel immer mehr zu einem beklemmenden Labyrinth, alle Kollegen verhalten sich abweisend. Ist das ein Traum, ein Alptraum oder Realität? ...

Wer nur das klassische Erzählkino akzeptiert, den wird HOTEL unglaublich ärgern, denn er klärt nichts auf, bietet nur Fragmente, keine Sympathieträger und keine Handlung im eigentlichen Sinn. Dabei passiert eine ganze Menge, wenngleich nur Kleinigkeiten. Eine Kette verschwindet, eine Brille geht kaputt, ein Schatten wird durchschritten, es knackt im Wald. Die teilweise wütenden Reaktionen auf die Langsamkeit des Films, der scheinbar immer wieder zum Stillstand kommt (wobei aber jede Szene auf der vorigen aufbaut), kann man nachvollziehen, mir ging es nicht so, ich war zunächst neugierig, dann fasziniert. Für mich ist HOTEL ein Musterbeispiel für subtile Spannung. Lediglich das Ende hat mich nicht ganz überzeugt, aber auch hier bleibt Jesssica Hausner konsequent in der Zurückhaltung. Die Regisseurin beweist einen genauen Blick für das alltägliche Grauen, für Entfremdung, Unsicherheit und Angst, ausgelöst durch banale Ereignisse und Objekte. Türen öffnen und verschließen sich von selbst, ein Lautsprecher knistert, der Wald rauscht. Wenn Irene die Brille ihrer Vorgängerin aufsetzt, die auf mysteriöse Weise verschwunden ist, darf man dies als Verbeugung vor Polanskis "Der Mieter" verstehen. Auch Humor ist vorhanden, etwa in der trist-traurigen Senioren-Tanzveranstaltung mit Musik vom Band und jämmerlichen Licht-Spots. Außer hier und unter den Titeln gibt es keine Filmmusik, dafür wird die Tonebene bemerkenswert genutzt. Das realistische Knarzen des Fußbodens, das Aufklappen eines Brillenetuis und das Rauschen im Walde, alles trägt zur Maximierung des Unbehagens bei.

Zu wenig wurden bislang die Darsteller gelobt, die sich allesamt dem Minimalismus des Films anpassen und ihre Rollen wunderbar unterspielen. Insbesondere die österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz als Vorgesetzte von Irene strahlt eine eiskalte Bösartigkeit aus, die man nicht so schnell vergisst. Hauptdarstellerin Franziska Weisz bleibt den Film hindurch fast unbewegt, nur gelegentlich durchbrechen Emotionen ihr unterkühltes Spiel umso wirkungsvoller. Ich kann nicht sagen, ob oder welche Subtexte es in HOTEL gibt, oder ob er eine reine Fingerübung in Formalismus sein möchte, ein Beweis, dass ein Film spannend sein kann, ohne auch nur ein Klischee zu bedienen. Was auch immer HOTEL ist, ich konnte 73 Minuten nicht mehr wegschauen.

Kann ich HOTEL empfehlen? Nur bedingt. HOTEL ist sperrig, spröde und eigenwillig, und die Polarisierung kann man hier unter den Rezensionen gut nachlesen. Wer einmal ein Filmerlebnis der ganz anderen Art erleben möchte, dem lege ich HOTEL sehr ans Herz.

09/10

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