Mittwoch, 17. Februar 2010

A History of Violence (2005)

Nach dem anspruchsvollen und sehr sperrigen "Spider" inszenierte David Cronenberg 2005 das Gewalt-Drama A HISTORY OF VIOLENCE, das auf gemischte Reaktionen stieß. Der Inhalt: in einer verträumten amerikanischen Kleinstadt überfallen zwei Gangster das Restaurant von Familienvater Tom Stall (Viggo Mortensen), der beide in Notwehr tötet. Als sein Bild in der Presse auftaucht, erhält er Besuch von weiteren Gangstern, angeführt vom brillanten Ed Harris, welcher in Tom ein früheres Mafia-Mitglied erkennt und noch die eine oder andere Rechnung offen hat...

Obwohl Regisseur Cronenberg vorgeworfen wurde, mit diesem Film endgültig zum Mainstream überzuwechseln, ist A HISTORY OF VIOLENCE keineswegs ein simpler Thriller, sondern ein Drama um die Last einer gewalttätigen Vergangenheit, für die Viggo Mortensen stellvertretend agiert, die sich aber mühelos auf die amerikanische Geschichte übertragen lässt. Nicht umsonst lässt Cronenberg den Film an ur-amerikanischen Schauplätzen spielen - ein Motel, eine Farm, ein Diner. Darüber hinaus geht es um die allgemeine Akzeptanz bzw. Befürwortung (Mortensen wird für seine erste Bluttat als Held gefeiert) sowie die Ausbreitung von Gewalt, die nicht nur Einzug in die Kleinstadt hält, sondern auch in die Familie und den schulischen Alltag des Teenager-Sohnes (Achtung, SPOILER!), der durch die brutalen Aktionen des Vaters erst zum Schläger, dann zum Mörder wird. Cronenberg inszeniert die wenigen Gewalt-Szenen (wegen denen der Film keine Jugendfreigabe erhalten hat) in grotesker Deutlichkeit, ohne jede Ästhetisierung. Er erinnert dabei an den thematisch ähnlichen "Funny Games". Die wirklich beeindruckende Kamera von Peter Suschitzy interessiert sich durchgängig mehr für die Gesichter der Figuren als für visuellen Schnickschnack.

Es stecken viele gute Gedanken in A HISTORY OF VIOLENCE, trotzdem hat er für meinen Geschmack einige Schwächen. Dass hinter Mortensens Fassade tatsächlich ein Ex-Killer steckt, wird nie überzeugend in Frage gestellt, so ist man als Zuschauer sowohl den Figuren als auch dem Film lange Zeit voraus. Während Viggo Mortensen (der hier seine erste Cronenberg-Rolle spielt und in dem folgenden "Tödliche Versprechen - Eastern Promises" weitaus spektakulärer agieren durfte) durchgängig überzeugt, kann ich weder Maria Bello als Kleinstadt-Anwältin (mit zu viel Härte und Klasse) noch deren Sohn Ashton Holmes glauben (er sieht gerade mal einen Tag jünger aus als Film-Mutter Bello).

Im letzten Drittel dann liefert der von mir ansonsten sehr geschätzte William Hurt eine indiskutable Karikatur als Gangsterboss (der sich aus seiner eigenen Villa aussperrt) ab, für die er eine absurde Oscar-Nominierung erhielt. Als Bewunderer von Cronenbergs früheren Werken wie "Crash" sind mir die Geschichte und die Charaktere von A HISTORY OF VIOLENCE einfach zu schlicht, was daran liegen könnte, dass Cronenberg hier nach langer Zeit nicht sein eigenes Drehbuch verfilmte. Die Subtexte und Anspielungen (wie mehrere Western-Motive) sind zwar intelligent, aber sie werden sämtlich auf dem Silbertablett präsentiert (die Schluss-Szene z.B. ist an Deutlichkeit nicht zu überbieten). Von der Komplexität eines "Dead Ringers - Die Unzertrennlichen" ist hier wenig zu finden. Das macht sich übrigens auch in Cronenbergs Audiokommentar bemerkbar, der sich mehr auf Ausstattung und Schauspieler konzentriert als auf den Inhalt.

Trotz der Kritik aber halte ich A HISTORY OF VIOLENCE für einen mehr als sehenswerten Film, der Themen anspricht, die man im Mainstream-Thriller selten findet, der Ursachen, Auswirkungen und Konsumierbarkeit von Gewalt hinterfragt und mit seinem Verzicht auf moderne Schnittgewitter und Effekthascherei angenehm gegen den aktuellen Kinotrend geht. "Tödliche Versprechen" gefällt mir dennoch wesentlich besser.

06/10

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