Mittwoch, 17. Februar 2010

Himmel über der Wüste (1990)

HIMMEL ÜBER DER WÜSTE gehört zu den besten Filmen des großen Bernardo Bertolucci, auch wenn der erwartete Publikums- und Kritikererfolg seinerzeit weitgehend ausblieb.

Nach dem Roman von Paul Bowles erzählt er von drei Menschen (Malkovich, Winger und Campbell), deren Afrika-Reise sich zum schicksalhaften Seelentrip entwickelt, an dessen Ende Tod, Verzweiflung und Einsamkeit stehen.
HIMMEL ÜBER DER WÜSTE besticht vor allem durch die exzellenten Darsteller und die großartige Kameraarbeit.

Debra Winger liefert hier die beste Leistung ihrer Karriere ab. Nachdem sich die Schauspielerin mehrfach öffentlich über Hollywoods Manipulationen und Frauenfeindlichkeit beschwert hatte - weswegen sie kaum noch Angebote erhielt und sich Ende der 90er offiziell aus dem Filmgeschäft zurückzog (mittlerweile ist sie aber hier und da wieder zu sehen) - erhielt sie die Chance unter der Regie eines der profiliertesten europäischen Regisseure ihr ganzes Können zu zeigen, und das tut sie mitreißend, ohne Scheu vor seelischer oder körperlicher Nacktheit. Sie gibt sich ganz dem Film hin. Es ist ihre Reise, die wir miterleben, von der kultivierten Schriftstellerin und Reisenden zu einer Getriebenen, einer Frau ohne Identität, ohne Ziel, ohne Halt. Bertolucci schafft es immer wieder auf bewundernswerte Weise, US-Schauspieler völlig neu zu definieren (etwa Brando im "letzten Tago" oder Jill Clayburgh in "La Luna").

Wenn Debra Winger nach Malkovichs frühem Filmtod allein durch die Wüste zieht und sich einer Beduinen-Karawane anschließt, erreicht HIMMEL ÜBER DER WÜSTE seinen künstlerischen Höhepunkt. Die ohnehin nur fragmentarische Handlung bricht vollkommen ab, der Dialog verstummt, nur die wunderbaren Bilder von Italiens bestem Kameramann Vittorio Storaro erzählen die Geschichte weiter. Hier beweist Bertolucci seine unglaubliche Virtuosität. Diese Passagen gehen weit über die Sehgewohnheiten des Publikums und filmische Konventionen hinaus, weswegen der Film vermutlich auch von vielen abgelehnt wurde. Das Schweigen der Wüste wurde nie konsequenter und hypnotischer eingefangen. So oft lediglich romantische Hintergrundkulisse, wird die Wüste unter Bertoluccis Regie zu einer eigenen fremden Welt mit eigenen Regeln und einer intensiven Bedrohlichkeit, der man als Mensch trotz des "schützenden Himmels" (O-Titel) schutzlos ausgeliefert ist. Alle Regeln der Zivilisation, alles Unglück einer Ehe, alle Sorge um Beruf, Zukunft und Identität, das alles spielt keine Rolle mehr. Deswegen ist HIMMEL ÜBER DER WÜSTE auch ein beängstigender Film, denn Bertolucci bietet kein Rezept gegen die Einsamkeit - Debra Wingers Kit wird immer eine Verlorene bleiben, selbst wenn sie in die Zivilisation zurückkehrt. Hier ist Bertolucci so radikal wie in seinen ersten Werken - und so radikal, wie er es seitdem nie wieder sein konnte oder durfte.

Riuyichi Sakamotas wundervolle Filmmusik (insbesondere sein schwermütiges Hauptthema) ist zu Recht ein moderner Klassiker der Filmmusik und über den Film hinaus berühmt.
HIMMEL ÜBER DER WÜSTE ist kein einfacher Film, er lässt sich auch bei mehrmaligem Sehen nicht vollends entschlüsseln. Aber er ist immer wieder aufs Neue faszinierend, wenn man sich ganz auf ihn einlässt. Autor Paul Bowles übrigens taucht im Film selbst kurz auf und spricht den finalen Voice-Over über Leben und Vergänglichkeit: "... and yet it all seems limitless..."

09/10

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