Montag, 15. Februar 2010

Hemmungslose Liebe (1947)

Man sollte sich von dem irreführenden deutschen Titel nicht täuschen lassen. POSSESSED (O-Titel) ist kein kitschiger Schmachtfetzen, sondern ein Film Noir-Melodram, das voll und ganz auf die grandiose Joan Crawford zugeschnitten ist, die hier eine sensationelle Leistung zeigt.

Dass wir es hier mit einem nicht ganz typischen Crawford-Film zu tun haben, zeigt bereits der beeindruckende Filmanfang, wenn Crawford verwirrt und ohne Make-Up durch Los Angeles im Morgengrauen streift. Diese Einführung ist ganz und gar unglamourös und reinster Film Noir. Eine Welt ohne Mitleid, eine Stadt ohne Anteilnahme, und eine Frau ohne Erinnerung. Wenig später wird sie ins Krankenhaus gebracht, und ähnlich wie in Crawfords großem Hit MILDRED PIERCE - SOLANGE EIN HERZ SCHLÄGT wird die Geschichte von POSSESSED in Rückblenden erzählt.

Hatte die Crawford in ihren Filmen oft alles unter Kontrolle, hat sie hier nichts unter Kontrolle - nicht ihre Gefühle, ihre Handlungen und schon gar nicht ihren Verstand. POSSESSED ist die Geschichte einer Psychose, die durch eine Zurückweisung in Gang gesetzt wird. Joan Crawford liebt Van Heflin, doch der beendet ihre Liebesaffäre. Aber Crawford liebt und liebt und liebt, bis sie nicht mehr zwischen Realität und Fantasie unterscheiden kann. Ihre Wahnvorstellungen führen schließlich zu Mord. Ganze Filmsequenzen entpuppen sich als Crawfords Einbildung - ein Stilmittel, welches das damalige Publikum nicht unbedingt gewohnt war.

Regisseur Curtis Bernhardt findet immer wieder expressionistische Bilder, um Crawfords Seelenzustand einzufangen. Die Darsteller spielen mit hohem Tempo - Joan Crawford spricht stellenweise so schnell und zeigt dabei so verschiedene Emotionen, dass es eine reine Freude ist, ihr zuzusehen. Für mich ist Crawfords Leistung in POSSESSED die Beste ihrer Karriere, gerade weil sie vielfach vom Image der Schauspielerin abweicht. Und obwohl sie nicht gerade eine Sympathieträgerin spielt, ist man als Zuschauer immer bei ihr. Wenn ich überhaupt etwas am Film aussetzen wollte, wäre es die Besetzung von Van Heflin, der für mich als Objekt einer besessenen Liebe (gleich mehrerer Frauen) nicht nachvollziehbar ist, aber da der Film dies gleich zu Beginn klarstellt und ernst nimmt, schmälert es nicht die Wirkung des Films.

09/10

Kommentare:

  1. Brillante Rezension, Mathias. Ich persönlich kann mir Van Heflin als Love Interest auch überhaupt nicht vorstellen. Crawfords Leistung ist auf jeden Fall atemberaubend!

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  2. Das freut mich zu hören, ich kann mit Heflin überhaupt nichts anfangen. Aber einer der 5 besten Crawfords, auf meiner persönlichen Liste Platz 2 (nach "Mildred Pierce").

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  3. Na, auf jeden Fall noch "Johnny Guitar" (seufz), "Baby Jane" und "The Women", obwohl das im strengen Sinne kein "Crawford-Film" ist (da sind wir wieder bei den Ensemble-Filmen...).
    "Sudden Fear" mag ich auch, leider ist die deutsche DVD zum Davonlaufen.

    LG, Mathias

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