Mittwoch, 17. Februar 2010

Gothic (1986)

Ken Russells GOTHIC aus dem Jahr 1986 schildert die Ereignisse einer gespenstischen Sturmnacht, in der sich auf dem Landsitz von Lord Byron (Gabriel Byrne) eine illustre kleine Gesellschaft zusammenfindet, die nach dem Vortragen von Geistergeschichten unter dem Einfluss von Laudanum ihre eigenen Schauermärchen erspinnt und sowohl innere wie (vielleicht auch) äußere Dämonen zum Leben erweckt. Unter den Gästen befindet sich auch Mary Wollstonecraft (Natascha Richardson), die spätere Mary Shelley, die als Verfasserin von "Frankenstein" unsterblich wurde.

Ken Russell, bekannt für seine extravaganten, exzessiven und bizarren Filmwerke, die immer ein visuelles Vergnügen bereiten, hat diese Nacht des Schreckens gegen alle Konventionen des Genres und mit zahllosen Anspielungen auf die klassischen "Frankenstein"-Filme der Universal inszeniert (Darstellerin Myriam Cyr etwa sieht Elsa Lanchester zum Verwechseln ähnlich). Eine durchgehende Handlung bietet GOTHIC kaum, der Film taucht tief in die derangierten Psychen seiner Protagonisten ein und bebildert deren Alpträume, Fantasien und Ängste. Je mehr man als Zuschauer über die Figuren weiß, umso mehr kann man das düstere Spektakel genießen. Erzählt wird GOTHIC aus der Sicht Mary Shelleys, die nach einer Fehlgeburt sehnlichst ihr Kind wieder zum Leben erwecken möchte.

Das Tote ins Leben zurückholen, davon wird sie später in "Frankenstein" erzählen, von Schöpfung und dem Geschöpf, das seinen Erschaffer ins Verderben reißt. Sie lebt in einer von Unsicherheit bestimmten Beziehung mit ihrem (noch verheirateten) Geliebten Percy Shelley (Julian Sands), welcher sich seinerseits nicht zu seiner Bisexualität bekennen kann und von Brüsten mit Augen träumt (ein tatsächlich überlieferter Alptraum des realen Shelley). Lord Byron hingegen spielt den teuflischen Verführer, der Marys Halbschwester schwängert und Percy Shelley Avancen macht. Biograf und Arzt Polidori (Timothy Spall) verzehrt sich vor Sehnsucht nach Byron. Ken Russell findet für alle diese Gelüste und Zerrissenheit Bilder von höchster Suggestivkraft und entwickelt gegen Ende einen wahren Bilderrausch, begleitet von einem fantastischen Soundtrack von Thomas Dolby.

Das Darsteller-Ensemble spielt exzellent, im wohl packendsten Moment entdecken die Gäste den nackten Julian Sands auf dem Dach des Hauses, inmitten von Blitz und Donner, überwältigt von der Kraft der Natur - ein Leitmotiv von Ken Russells Filmen und weiterer Verweis auf das durch Blitz erweckte Geschöpf Frankensteins.

GOTHIC ist weniger Horrorfilm (tatsächlich ist er als Horrorfilm eher unspannend) als vielmehr ein intellektuelles Puzzlespiel über die Seele des Künstlers (entsteht ein künstlerisches Werk trotz oder wegen seines Erschaffers?), sexuelles Erwachen und Entfesselung (noch ein Leitmotiv von Russell) und den Kampf gegen innere Dämonen.

08/10

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